Montag, 31. Oktober 2016

Kurzkritiken Halloween 2016

Heute ist Halloween! Wer nicht um Süßigkeiten betteln oder auf einer Kostümparty versacken will, möchte heute Abend ja vielleicht einen Horrorfilm sehen. Aber welchen? Sieben Kandidaten stelle ich in den heutigen Kurzkritiken vor.

Bram Stoker's Dracula (1992)

Francis Ford Coppola (2007)
Der Rechtsanwalt Jonathan Harker (Keanu Reeves) reist nach Rumänien, um ein Geschäft mit dem mysteriösen Grafen Dracula (Gary Oldman) abzuschließen, der Grundbesitzt in London erwerben möchte. Was Harker nicht ahnt: Dracula ist ein Vampir und erkennt in einem Foto von der Verlobten des Anwalts (Winona Ryder) eine Wiedergeburt seiner Frau, die vierhundert Jahre zuvor Selbstmord begangen hatte. Kurzerhand überlässt Dracula Harker den im Schloss lebenden blutrünstigen Vampirinnen, während er sich selbst auf den Weg nach London macht …

Von allen Verfilmungen, die es in den letzten 100 Jahren von Bram Stokers Horrorklassiker gab, ist Francis Ford Coppolas Version mit Abstand die werkgetreuste Adaption. Während der Gothic-Roman jedoch sehr subtil über lange Zeit mit Andeutungen arbeitet, ist Subtilität in dieser Verfilmung nirgendwo zu finden. Im Schauspiel, Einsatz filmischer Mittel und der Musik ist alles auf Bombast ausgelegt, was über die gesamte Laufzeit etwas ermüdend ist und stellenweise geradezu trashig. Auch hat es mir nicht unbedingt gefallen, dass auch in dieser Verfilmung Mina von einer toughen, rationalen Frau zur schmachtenden Liebhaberin des Grafen degradiert wird. Insgesamt durchaus spaßig, aber die perfekte Dracula-Verfilmung lässt immer noch auf sich warten.


Conjuring – Die Heimsuchung (2013)

Patrick Wilson (2016)
In den 70er Jahren zieht Familie Perron in ein abgelegenes Haus. Schon nach kurzer Zeit werden sie nachts von übernatürlichen Geschehnissen aus dem Schlaf gerissen. Sie engagieren daraufhin die paranormalen Ermittler Lorraine und Ed Warren (Vera Farmiga und Patrick Wilson), die versuchen, genug Beweise zu sammeln, damit ein Exorzismus durchgeführt werden kann …

Conjuring gehört zu dem modernen Subgenre des Horrorfilms, das sein Publikum nicht durch beängstigende Bilder und eine bedrohliche Atmosphäre packen möchte, sondern vor allem durch plötzliche Schreckmomente seine Wirkung erzielt. Während diese Form der Dramaturgie durchaus unterhaltend sein kann, könnte man für den selben Effekt genauso gut den Fernseher auslassen, das Licht ausschalten und Verstecken im Dunkeln spielen. Conjuring ist jedoch mit seinen guten Schauspielern und einem ansehnlichen Set-Design noch einer der besseren Vertreter dieser Art von Horror-Kost.


The Descent – Abgrund des Grauens (2005)

Sechs Frauen unternehmen gemeinsam eine Höhlenexpedition. Die meisten der Freundinnen haben keine Erfahrungen auf diesem Gebiet, doch die Anführerin Juno (Natalie Mendoza) behauptet, die Gruppe in ein touristisch erschlossenes und leicht zu durchquerendes Höhlensystem zu führen. Bald stellt sich jedoch nicht nur heraus, dass dies gelogen war, sondern auch, dass die Protagonistinnen in den finsteren Höhlen nicht alleine sind …

Den stärksten Moment hat dieser britische Film bereits im ersten Drittel der Laufzeit, als Sarah (Shauna Macdonald) in einem engen Tunnel stecken bleibt. Diese realistische klaustrophobische Situation hatte bei mir eine deutlich stärkere Wirkung als die übernatürliche Komponente, die anschließend in den Vordergrund rückt. Die Bedrohung, der sich die Freundinnen bald ausgesetzt sehen, ist nicht übermäßig einfallsreich, doch der Film hat genug Spannung und gelungene Einfälle, um dennoch gut zu unterhalten.


Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1931)

Der englische Arzt Dr. Henry Jekyll (Fredric March) ist von dem Gedanken besessen, die menschliche Seele in Gut und Böse aufteilen zu können. Es gelingt ihm, dieses Ziel durch ein geheimnisvolles Elixier zu verwirklichen: Es verwandelt ihn für begrenzte Zeit in den primitiven, gewissenlosen Edward Hyde. Zuerst genießt Jekyll die Freiheiten seines zweiten Ich, doch bald versetzen ihn die Taten seines Alter Ego immer mehr in Schrecken. Doch da ist das Experiment schon längst außer Kontrolle geraten …

1931 war ein großes Jahr für den amerikanischen Horrorfilm. Während vor allem Universal heute berühmt ist für seine Klassiker Dracula (1931) und Frankenstein (1931), haben auch andere Studios in dieser Zeit Gruselromane des 19. Jahrhunderts auf die Leinwand gebracht. Paramounts Dr. Jekyll und Mr. Hyde muss sich dabei keineswegs vor der Konkurrenz verstecken: Rouben Mamoulians Regie ist recht kreativ und arbeitet mit ungewöhnlichen Kamerafahrten aus der Perspektive des Protagonisten. Auch die Special Effects sind sehr beeindruckend, vor allem die erste Verwandlung in das Monster war durch seine kreative Montage mit Mehrfachbelichtungen und Filter-Effekten lange Zeit unerreicht. Wirklich gruselig wird die Geschichte jedoch nie und das etwas alberne Hyde-Makeup und Overacting der Darsteller sorgen insgesamt für eher durchschnittliche Unterhaltung.


Drag Me to Hell (2009)

Sam Raimi (2014)
Nachdem die Bankangestellte Christine (Alison Lohman) einer Zigeunerin (Lorna Raver) die Fristverlängerung für die Rückzahlung eines Kredits verwehrt, wird sie von der alten Frau mit einem Fluch belegt. Dieser bewirkt, dass Christine nach drei Tagen in die Hölle kommt, wenn sie es nicht schafft, einen mächtigen Dämon zu besänftigen. Hilfe bekommt sie von dem Wahrsager Rham Jas (Dileep Rao) …

Regisseur Sam Raimi gelingt es mit Drag Me to Hell nicht, sich zwischen unterhaltsamen Trash und ernsthaftem Horrorfilm zu entscheiden. Der ständige Wechsel zwischen Ernst und Humor sorgt dafür, dass keine der beiden Stimmungen funktioniert, weil man sich gerade wieder auf die andere eingestellt hatte. Das selbe Problem hatte bereits Darkman (1990) und es ist erschreckend, dass Raimi in fast 20 Jahren offenbar nichts dazugelernt hat. Dass der Film voll von (teils rassistischen) Klischees ist und man den Twist schon eine viertel Stunde vorher ahnt, macht es auch nicht gerade besser.


Die Fürsten der Dunkelheit (1987)

Im Kellergewölbe einer alten Kirche wird ein mysteriöses Artefakt entdeckt. Eine Gruppe von jungen Studierenden macht sich an die Aufgabe, die mit einer grün leuchtenden Flüssigkeit gefüllten Glassäule näher zu untersuchen. Doch das Böse, das sich in dieser Säule befindet, trotzt jeder wissenschaftlichen Beschreibung …

Nach seinem Flop Big Trouble in Little China (1986) kehrte Regisseur John Carpenter den großen Hollywood-Studios den Rücken zu, um wieder günstige Independent-Filme zu drehen. Das erste Ergebnis dieser neuen Phase war Die Fürsten der Dunkelheit. Durch die eher unspektakulären Special Effects (der böse Wassertank!), mittelmäßigen Schauspieler und uninteressant geschriebenen Figuren gehört dieser Film keineswegs zu Carpenters besten Filmen. Durch seine charmante 80er-Jahre-Ästhetik (inkl. Gastauftritt von Alice Cooper) und ein paar gelungene Momente kann der Film dennoch relativ gut unterhalten.


Das Waisenhaus (2006)

Laura (Belén Rueda) und Carlos (Fernando Cayo) ziehen zusammen mit ihrem adoptierten Sohn Simón (Roger Príncep) in das ehemalige Waisenhaus, in dem Laura aufgewachsen ist. Einige Tage später erzählt Simón, dass er sechs neue unsichtbare Freunde kennen gelernt habe. Das Verhalten des Jungen wird immer seltsamer, bis er eines Tages plötzlich verschwindet. Gleichzeitig beginnt Laura, übernatürliche Dinge wahrzunehmen und zu glauben, dass die Geister der ehemaligen Heimkinder im Haus leben …

Ein Spukhaus mit mysteriöser Vergangenheit und gruselige Kinder: Weite Teile dieses spanisch-mexikanischen Horrorfilms wiederholen bekannte Genre-Klischees. Durch die gute Hauptdarstellerin und die Entscheidung, viel Zeit mit dem Vorstellen der Hauptfiguren zu verbringen, bevor die übernatürlichen Ereignisse beginnen, ist der Film insgesamt dennoch als gelungen zu bezeichnen.


Urheber des Fotos von Francis Ford Coppola ist squidish. Urheber des Fotos von Patrick Wilson ist Neil Grabowsky / Montclair Film Festival. Beide stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).
Urheber des Fotos von Sam Raimi ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Filmkritik: Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

Das Kino zu revolutionieren: Das war das Anliegen vieler junger Filmemacher Ende der 50er Jahre in Europa. Vieles, das damals neu und ungewöhnlich war, ist heute ein alltäglicher Teil der Filmlandschaft geworden. Dennoch sind die bahnbrechenden Werke dieser Zeit auch ein halbes Jahrhundert später noch einen Blick wert – So zum Beispiel der Debütfilm des französischen Regisseurs François Truffaut, der heute vor 57 Jahren in die deutschen Kinos kam.

Kritiker seien „geistesgestörte Idioten“ und „weniger als wertlos“. Nicht jeder Regisseur würde es so extrem ausdrücken wie Alex Proyas (Gods of Egypt, 2016), aber das Verhältnis zwischen Filmemachern und Filmkritikern ist heutzutage im Allgemeinen wohl eher als distanziert zu bezeichnen. Doch die Grenzen zwischen den beiden Berufsgruppen waren nicht immer so klar gezogen. So begannen in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Kritiker der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma selbst zur Kamera zu greifen. Ihr Ziel war ein Kino, dass sich von den angestaubten Konventionen der Studio-Ära lösen und neue Wege gehen sollte. In den so entstandenen Werken agierten unbekannte Schauspieler spontan und authentisch vor der Kamera, einem oft nur grob skizzierten Drehbuch folgend. Die Drehorte wurden vom Studio nach draußen verlegt und die Schnitttechnik befreite sich von den Zwängen des Continuity-Systems.

Einer der frühsten Filme dieser Bewegung ist Sie küssten und sie schlugen ihn von François Truffaut. Er erzählt die Geschichte des 14-jährigen Antoine (Jean-Pierre Léaud), der mitten in Paris aufwächst. Während er sich in der Schule mit der herablassenden Verhalten seiner Lehrer auseinander setzen muss, ist der Junge zu Hause mit einer nur wenig liebevollen Mutter (Claire Maurier) und einem sich oft unangemessen benehmenden Stiefvater (Albert Rémy) konfrontiert. Bald beginnt der Teenager, immer stärker gegen die Regeln der Gesellschaft zu rebellieren. Anfängliches Schulschwänzen wird bald begleitet von Alkohol- und Zigarettenkonsum und nächtlichem Fernbleiben aus seinem Elternhaus. Antoine genießt die neuen Freiheiten, die das Leben abseits pädagogischer Interventionen bietet. Doch als er zusammen mit seinem Freund René (Patrick Auffay) eine Schreibmaschine aus der Firma seines Stiefvaters klaut, hat dies schließlich ernsthafte Konsequenzen …

François Truffaut (1967)
Die von Truffaut in ruhigen, fast dokumentarisch wirkenden Bildern erzählte Geschichte folgt keiner klassischen Hollywood-Dramaturgie und verlangt dem Publikum deshalb schon eine gewisse Geduld ab. Wer diese mitbringt, wird jedoch mit einem lange nachwirkenden Film belohnt, der das Bild einer Gesellschaft entwirft, in der man als Jugendlicher fast gar nicht anders kann, als delinquent zu werden. Denn das Verhalten der Erwachsenen gegenüber Antoine ist immer autoritär und herablassend, egal, wie der 14-Jährige sich verhält: Als der Jugendliche beginnt, Balzac zu lesen und sich beim Verfassen eines Aufsatzes von dessen Stil beeinflussen lässt, wird sein literarisches Interesse nicht belohnt, sondern er sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, abgeschrieben zu haben. Dass es für Antoine keine Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt während einer Klassenarbeit einen Roman auf den Tisch zu legen, ist dabei nicht von Belang. Ein weiteres Beispiel ist der Diebstahl der Schreibmaschine: Antoine wird nicht etwa erwischt, als er diese stiehlt, sondern als er sie an ihren Platz zurückbringt und damit eigentlich Reue bewiesen hat. Für die folgende Bestrafung scheint dies jedoch unerheblich zu sein.

Einen Großteil seiner Wirkung verdankt der Film dem hervorragenden Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud. Dies wird vor allem in einer späten Szene deutlich, in der eine Psychologin den Jungen zu seinem Elternhaus und den Motiven seiner Handlungen befragt. Die glaubwürdige, kindlich-naive Art, wie Léaud die Fragen beantwortet, zeugt sowohl von einem großen schauspielerischen Talent als auch von einem großartigen Regisseur, der weiß, wann Improvisation zu besseren Ergebnissen führt als ein genau vorformuliertes Drehbuch. Und so ist ein fast magischer Moment entstanden, der für sich alleine genommen schon ausreicht, um diesen Film sehenswert zu machen.

Sie küssten und sie schlugen ihn kann man eine gewisse Langatmigkeit vorwerfen. Doch die schonungslose Art und Weise, wie Truffaut die verlogene Welt der Erwachsenen aus Sicht seines Protagonisten bloßstellt und die großartige schauspielerische Leistung von Jean-Pierre Léaud machen diesen Klassiker des französischen Kinos zu einem Film, den man gesehen haben sollte.

Urheber des Fotos von den François Truffaut ist Kroon, Ron / Anefo. Es stammt aus dem niederländischen Nationaal Archief und steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0).