Donnerstag, 21. Juli 2016

Filmkritik: Matrix (1999)

Immer noch cool oder schon längst veraltet? Vor nunmehr 17 Jahren brachten die Wachowski-Geschwister mit Matrix (1999) einen der einflussreichsten Actionfilme der letzten Jahrzehnte in die Kinos. Auch heute ist der Film noch extrem unterhaltsam – aber auch ein Beispiel dafür, dass manche Filme schneller altern als andere …

Viele Filmklassiker sind ein deutliches Produkt ihrer Zeit. Während beispielsweise Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) durch seine bahnbrechenden Special Effects und seine ästhetische und inhaltlich Außergewöhnlichkeit ohne Hintergrundwissen ebenso als ein Film von 1979 durchgehen könnte, ist Dennis Hoppers Biker-Road-Movie Easy Rider (1969) untrennbar mit dem Lebensgefühl der späten 60er Jahre verbunden. Doch auch Filme jüngeren Datums altern unterschiedlich schnell. Die meisten Filme der letzten Jahrzehnte wirken immer noch modern, Matrix (1999) hingegen ist stilistisch unbestreitbar ein Kind der Jahrtausendwende. 
Laurence Fishburne (2009)

Der Film erzählt die Geschichte des Programmierers Neo (Keanu Reeves), der von dem unbestimmten Gefühl beherrscht wird, dass die Welt um ihn herum nicht das ist, was sie zu sein scheint. In einem Treffen mit dem geheimnisvollen Morpheus (Laurence Fishburne) erfährt Neo schließlich, dass es sich bei der vermeintlichen Realität lediglich um eine Computersimulation handelt, die sogenannte Matrix. Tatsächlich spielt der Film in einer postapokalyptischen Zukunft, in der die Maschinen die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Wie fast alle anderen überlebenden Menschen befindet sich Neos Körper in einem künstlichen Uterus und wird als lebende Batterie zur Energieversorgung genutzt. Da der menschliche Körper ohne den Geist nicht überleben kann, muss dem Gehirn jedoch durch ein Programm vorgegaukelt werden, ein normales Leben im Jahr 1999 zu führen. Neo wird aus der Matrix befreit und erfährt bald, dass die Wahl nicht ohne Grund auf ihn gefallen ist: Denn nach Morpheus Ansicht ist er der Auserwählte, der laut Überlieferung kommen soll, um die Schreckensherrschaft der Maschinen zu beenden …

Die grundsätzliche Idee des Films, die tatsächliche Existenz der Welt um uns herum in Frage zu stellen, ist keineswegs neu. Bereits René Descartes zweifelte 1641 an der Glaubwürdigkeit seiner Wahrnehmung und stellte fest, dass er nicht ausschließen könne, „ dass ein boshafter Geist, der zugleich höchst mächtig und listig ist, all seine Klugheit anwendet, um mich zu täuschen; ich will annehmen, dass der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und alles Äußerliche nur das Spiel von Träumen ist, wodurch er meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt“. Dies führte den französischen Philosophen zu dem berühmten Schluss, dass er nur seine eigene Existenz wirklich beweisen könne („Ich denke, also bin ich“). Dieses unlösbare Problem der Erkenntnistheorie fand schließlich auch seinen Weg in Literatur und Film. So ersetzte Rainer Werner Fassbinder in seinem TV-Zweiteiler Welt am Draht (1973) Descartes „ boshaften Geist“ durch einen Computer, der in der Lage ist, das Leben einer Kleinstadt zu simulieren. Die Geschichte kreist schließlich um die Frage, wie der Protagonist des Films sicher sein kann, nicht selbst Teil solch einer Simulation zu sein.

Die Wachowskis (2004)
Die Wachowski-Geschwister lassen in Matrix die Zuschauer hingegen nicht lange im Ungewissen, sondern stellen bereits im ersten Drittel des Films unmissverständlich klar, welche Szenen in der Wirklichkeit und welche in der Computersimulation spielen. Grundsätzlich ist der philosophische Unterbau für die Filmemacher nämlich offenbar nur Mittel zum Zweck: Nach ausgiebigem Training lernt Neo, die physikalischen Gesetze der Computerwelt zu beeinflussen, und der Schwerpunkt des Films verlagert sich im weiteren Verlauf immer stärker darauf, den Protagonisten diese Fähigkeiten in möglichst spektakulären Action-Szenen nutzen zu lassen.

Umso deplatzierter wirken die intellektuell und philosophisch gemeinten Dialogzeilen, die vor allem Morpheus immer wieder äußert, als hätte ihm niemand Bescheid gesagt, dass er sich in einem Actionfilm befindet. Dass Matrix sich insgesamt etwas zu ernst nimmt, tut seiner Unterhaltsamkeit jedoch keinen Abbruch. Auch heute noch weiß die Kombination aus Martial-Arts-Choreographien und bahnbrechenden Effekte zu überzeugen – auch wenn die berühmte Superzeitlupe seitdem so oft persifliert wurde, dass sie leider etwas an ihrer Wirkung verloren hat.

Für einen nur 17 Jahre alten Film ist Matrix aber überraschend deutlich gealtert. Besonders die Kostüme fallen hier ins Auge: So wirkt Trinity (Carrie-Anne Moss), die an der Seite von Morpheus und Neo gegen die Maschinen kämpft, wie einer Techno-Party der späten 90er entsprungen: Lederoutfit, Sonnenbrille und Kurzhaarfrisur sind heute leider nicht mehr so cool, wie dies zu Zeiten der Jahrtausendwende noch der Fall gewesen sein mag. Und auch die Funktionsweise der Matrix ist klar von den damaligen technischen Begebenheiten beeinflusst: Dass das Computerprogramm ausschließlich durch Telefone betreten und verlassen werden kann, ist in Zeiten des Dial-Up-Modems schlüssig – für eine Generation, die mit ständiger WLAN-Verbindung aufwächst, aber wohl kaum noch nachvollziehbar.

Matrix ist auch heute noch beeindruckend inszeniertes Action-Kino und zumindest auf dieser Ebene keineswegs veraltet. Gleichzeitig ist der Film jedoch in vielen Details klar als Film der ausgehenden 90er Jahre zu identifizieren. Das schadet dem Sehvergnügen jedoch keineswegs, sondern verschafft dem Film für Zuschauer/innen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, eine zusätzliche Ebene der Nostalgie.

Urheber des Fotos von den Wachowskis ist Charlie Meadows. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Montag, 4. Juli 2016

Filmkritik: Frankenstein (1931)

Jeder kennt Frankensteins Monster. Während der durchschnittliche Passant in der Fußgängerzone wohl nur wenig Kenntnisse über das Kino der 30er Jahre besitzt, wird ein Bild des Monsters mit dem kantigen Gesicht und den Schrauben im Hals fast immer auf Wiedererkennung stoßen. Obwohl der Einfluss von Frankenstein (1931), in dem das berühmteste Monster der Filmgeschichte seinen ersten Auftritt hatte, wohl kaum zu überschätzen ist, muss das natürlich nicht bedeuten, dass es sich wirklich um einen guten Film handelt. Dieser Frage möchte ich daher in meinem heutigen Artikel nachgehen.

Hauptfigur des Films ist nicht das Monster, sondern der Wissenschaftler Henry Frankenstein (Colin Clive). Zurückgezogen in einem verfallenen Turm geht er mit Hilfe seines buckligen Assistenten Fritz (Dwight Frye) biologischen Experimenten nach, weil er aufgrund seiner grenzüberschreitenden Forschungen aus der Universität geworfen wurde. Henrys Ziel ist es Leben zu erschaffen, auch wenn es dafür nötig ist, nachts auf Friedhöfen kürzlich beerdigte Leichen wieder auszugraben, um die Körper als Material zu benutzten. Seine Verlobte Elisabeth (Mae Clarke) und sein ehemaliger Professor Waldman (Edward Van Sloan) versuchen, den sich immer stärker in seine Forschungen hineinsteigernden Wissenschaftler zur Besinnung zu bringen, doch ohne Erfolg: Sie können nur hilflos mit ansehen, wie das von ihm aus Leichenteilen zusammengesetzte Wesen per Blitzschlag zum Leben erweckt wird …

Das auf Kurzfilme und B-Movies spezialisierte Filmstudio Universal Pictures nutze Anfang der 30er Jahre eine Marktlücke aus: Keines der großen Hollywoodstudios war zu dieser Zeit bereit, Horrorfilme zu produzieren und so entschied sich Universal dafür, mit vergleichsweise kleinem Budget die zwei bekanntesten Gruselgeschichten des 19. Jahrhunderts zu verfilmen: Bram Stokers Dracula und Mary Shelleys Frankenstein. Als Vorlage diente jeweils nicht der Roman selbst sondern eine Bühnenadaption der Geschichte. Den 1931 veröffentlichten Filmfassungen merkt man diese Herkunft deutlich an: Die aus meist statischen Kameraeinstellungen aus der Halbtotalen oder Halbnahen gefilmten Dialoge erinnern deutlich an ein abgefilmtes Theaterstück, weshalb der Inszenierungsstil dieser Werke im Vergleich zu Stummfilmadaptionen wie Nosferatu (1922) eher als Rückschritt zu werten ist. Dass Frankenstein dennoch stellenweise mit beeindruckenden Bildern aufwarten kann, liegt daher weniger an der Regie von James Whale (der seine Wurzeln ebenfalls im Theater hat), sondern vor allem am expressionistischen Bühnenbild von Herman Rosse und dem ikonischen Monster-Make-Up von Jack P. Pierce.

Wirklich gruselig ist der Film selbst für damalige Zuschauer wahrscheinlich nur an wenigen Stellen gewesen. Ein recht großer Teil der Laufzeit wird auf Gespräche zwischen den Angehörigen des Protagonisten verwendet, deren größte Sorge es zu sein scheint, dass Henry Frankenstein durch seinen Arbeitseifer seine Hochzeit vergessen könnte. Der offenbar als Comic Relief geschriebene und gespielte Vater Baron Frankenstein (Frederick Kerr) sticht hierbei besonders negativ hervor. Es gibt inhaltlich jedoch auch interessante Facetten: Hier ist vor allem die vielschichtige Charakterisierung des Monsters zu nennen. Während andere Universal-Unholde wie Dracula oder Die Mumie (1932) durchweg böse sind, verhält sich die von Boris Karloff gespielte lebende Leiche eher wie ein wildes Tier oder kleines Kind. Nachdem das Monster auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft bereits zwei Menschen ermordet hat, geschieht die Tötung eines kleinen Mädchens auf solch eine unschuldige und naive Art und Weise, dass diese Szene noch lange nach dem Ansehen des Films in Erinnerung bleibt. Ab diesem Zeitpunkt kann man nur noch Mitleid mit dem Monster haben, das mit seinen traurigen Augen und seinem trottenden Gang nun vor der gesamten Dorfgemeinschaft fliehen muss …

Frankenstein ist für heutige Zuschauer natürlich nicht mehr besonders gruselig und einige Dialogszenen zwischen den Nebenfiguren könnte man sogar als langweilig zu bezeichnen. Dennoch ist dieser Klassiker durch das ansprechende Design und den interessanten Antagonisten auch 85 Jahre nach seiner Premiere noch sehenswert.