Dienstag, 28. April 2015

Filmkritik: Caché (2005)

Michael Haneke ist dafür bekannt, mit seinen Filmen gerne die Erwartungen der Zuschauer zu unterlaufen. Auch Caché ist nur scheinbar ein Thriller über mysteriöse Videobänder. Tatsächlich interessiert sich der österreichische Regisseur jedoch viel mehr für die Vergangenheitsbewältigung seiner Hauptfiguren als für die Auflösung seiner Geschichte.

Dieser Text enthält Spoiler. Da die Thriller-Geschichte für Haneke jedoch nur Mittel zum Zweck ist, kann diese Kritik meiner Meinung nach dennoch auch vor Sehen des Filmes gelesen werden.

Der Fernsehmoderator Georges (Daniel Auteuil) und die Verlagsmitarbeiterin Anne (Juliette Binoche) leben mit ihrem Sohn Pierrot (Lester Makedonsky) in Paris. Als ein Unbekannter plötzlich beginnt, der Familie rätselhafte Videoaufnahmen ihres Hauses zukommen zu lassen, beginnt ihr geordnetes Leben bald aus den Fugen zu geraten. Da den Kassetten keine Drohungen sondern nur seltsame Zeichnungen beigelegt sind, ist die Polizei machtlos. Bald beginnt Georges einen Menschen aus seiner Kindheit zu verdächtigen

Die Geschichte erinnert ein wenig an Lost Highway (1997), doch stilistisch hat Caché nur wenig mit David Lynchs surrealistischen Thriller gemein. Haneke gelingt es zwar zu Beginn durchaus eine ähnlich bedrohliche Stimmung aufzubauen, doch bald steht nicht mehr die Suche nach dem Urheber der Videobänder im Vordergrund, sondern ein Geheimnis aus Georges Vergangenheit: Als Kind hat er eine schwere Schuld auf sich geladen und er glaubt, dass die Videokassetten hiermit in Zusammenhang stehen könnten.

Ob dies tatsächlich stimmt, bleibt jedoch unklar. Es ist nicht unbedingt leicht, sich von der Mystery-Komponente der Handlung zu lösen, so sehr wünscht man sich eine Antwort auf die Frage „Wer hat denn jetzt wirklich die Videokassetten geschickt?“ Im Endeffekt lautet die Antwort wahrscheinlich einfach: Haneke selbst war es, weil er wissen wollte, wie diese Familie darauf wohl reagieren würde. Unter der Oberfläche handelt es sich bei Caché deshalb eigentlich gar nicht um einen Thriller, sondern eher um ein nüchternes Drama über die Frage, wie man als Erwachsener mit verwerflichen Taten umgehen soll, die man als Kind begangen hat. Denn auch wenn man vielleicht zu jung gewesen ist, um die Konsequenzen der eigenen Handlungen absehen zu können, ist man dennoch verantwortlich für ihre Folgen.

Michael Haneke (2014)
Auch auf inszenatorischer Ebene ist Caché durchaus gelungen. Besonders hervorzugeben ist hierbei, wie auf die Fiktionalität der filmischen Bilder verwiesen wird. Zwar nimmt dies nie solche Ausmaße an wie in der berühmten Rückspul-Szene in Funny Games (1997), doch sind die Grenzen zwischen den Aufnahmen, in denen der Film erzählt wird und den Aufnahmen, die von Personen der Handlung gemacht oder angesehen werden, fließend. So entpuppt sich beispielsweise die erste Totale des Wohnhauses, über die der Vorspann läuft, als eines der Videos, das anschließend vom Ehepaar gespult und aus dem Off kommentiert wird. In einer späteren Szene spricht Georges bei der Aufzeichnung seiner Literatursendung in die Kamera, nach Ende der Aufnahme erfolgt jedoch kein Schnitt, sondern dieselbe Kamera verfolgt den Protagonisten hinter das Set, verwandelt sich also von einem Teil der Filmwelt zum unsichtbaren Auge des Regisseurs.

All diese Faktoren machen Caché zwar durchaus zu einem interessanten, aber dennoch nicht unbedingt zu einem besonders spannenden Film. Die relativ lange Laufzeit, die nüchtern-realistische Erzählweise und das Fehlen von wirklich emotional intensiven Momenten hat mich doch öfters auf die Uhr schauen lassen. Für Fans von Haneke oder der eher spröderen Seite des europäischen Autorenkinos ist Caché dennoch zu empfehlen.


Urheber des Fotos von Michael Haneke ist Manfred Werner. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).