Montag, 16. Dezember 2013

Filmkritik: Kriegerin (2011)

David Wnendt hat mit seiner Interpretation des Skandalromans Feuchtgebiete einen der erfolgreichsten deutschen Filme dieses Jahres in die Kinos gebracht. Bekannt wurde der 36-jährige Regisseur jedoch bereits Ende 2011 mit seinem Drama Kriegerin über den Sinneswandel einer jungen rechtsradikale Frau in Ostdeutschland.

Protagonistin Marisa (Alina Levshin)
© Ascot Elite Home Entertainment / Alexander Janetzko
Marisa (Alina Levshin) ist Teil einer Neonazi-Clique in einer Kleinstadt im Osten der Bundesrepublik. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbringen ihre Freizeit mit Alkohol, Musik, Propagandafilmen und dem Zusammenschlagen von Ausländern und anderen Menschen, von deren Anwesenheit sie sich provoziert fühlen. Eines Tages kommt es zu einem Konflikt mit den jungen Afghanen Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat) und Jamil (Najebullah Ahmadi) in dessen Folge die beiden mit dem Roller flüchten. Marisa folgt ihnen mit dem Auto und drängt sie von der Straße ab. Als sie realisiert, was sie getan hat, stellen sich Schuldgefühle ein: Könnte sie tatsächlich ein Menschenleben auf dem Gewissen haben?

Auch wenn die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe sehr unterschiedlich sind, bietet es sich aufgrund der Handlung an, Kriegerin mit dem amerikanischen Drama American History X (1998) zu vergleichen. Beide erzählen von einem Mitglied der Neonazi-Szene, das sich von dieser im Verlauf der Handlung abwendet. Ausgelöst wird dies in beiden Filmen durch das Kennenlernen eines Mitglieds der verhassten Minderheit. Während Derek in Tony Kayes Film im Gefängnis eine Freundschaft zu einem schwarzen Mithäftling aufbaut, beginnt Marisa aus Schuldbewusstsein Rasul dabei zu helfen, zu Verwandten in Schweden zu gelangen.

Tatsächlich ist dieser Sinneswandel in Wnendts Film glaubwürdiger als im amerikanischen Drama. Dies liegt vor allem daran, dass Derek in American History X als kaltblütiger Mörder und als ausgesprochen überzeugter Anhänger einer rassistischen Ideologie dargestellt wird und es doch eher wie ein naiver Wunschtraum wirkt, dass sich solch eine Einstellung durch das Kennenlernen eines dunkelhäutigen Menschen so leicht ändern ließe. Wnendt stellt seine Protagonistin hingegen als eine eher sensible Person dar und die rechte Szene als weitgehend unpolitisch. Zwar wird im Verhalten der Gruppe ein diffuser Fremdenhass deutlich und durch Hakenkreuze und Hitler-Tattoos wird der Nationalsozialismus verherrlicht, doch Dialoge, in denen eine konkrete politische Einstellung deutlich werden würde, existieren nicht.

Sandro (Gerdy Zint)
© Ascot Elite Home Entertainment / Alexander Janetzko
Zugespitzt wird dies in einer Szene, in der ein Heft mit rechtsextremer Propaganda von Sandro (Gerdy Zint), dem Freund der Protagonistin, vom Balkon geworfen wird. „Das sind auch nur Worte“, sagt er und will stattdessen Taten sprechen lassen, sieht sich gar in einem Krieg gegen die Gesellschaft. Doch zu sehen ist davon im weiteren Verlauf des Films nichts. So gewinnt man den Eindruck, dass Marisa nicht aus einer wirklichen Überzeugung Ausländer hasst, sondern weil sich dies in ihrem Umfeld so gehört. Als sie diesem schließlich den Rücken zukehrt, ist die Überwindung ihrer Vorurteile daher nur eine logische Konsequenz.

Es lässt sich nur mutmaßen, weshalb Wnendt sich entschieden hat, die Neonazi-Szene als eine Subkultur darzustellen, deren Mitglieder nicht aus politischen Überzeugungen handeln, sondern vor allem aus einem Wunsch nach Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft. Das paradoxe Ergebnis ist ein Film über Rechtsextremisten, in dem Rassismus nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. So wird das gezeichnete Milieu im Prinzip austauschbar, viele Szene könnten sich auch in einer Gruppe von Hooligans, Rockern oder Jugendlichen mit Migrationshintergrund abspielen. Eine Ausnahmeerscheinung ist da der ältere Clemens (Haymon Maria Buttinger), der in der Clique eine Art Mentorenrolle einnimmt. Dieser schmierige, ausgerechnet aus Österreich stammende Mann ist der einzige Protagonist in Kriegerin, der eine gefestigte rechtsradikale Ideologie zu haben scheint und diese gegenüber den anderen auch vertritt, zum Beispiel wenn er Sandro vorwirft, seine Freundin nicht genug unter Kontrolle zu haben. Hierdurch wird das Bild gezeichnet, dass rechtsradikale Gewalt von einigen wenigen gesteuert wird und die meisten Nazis unpolitische Mitläufer sind – eine ebenso populäre wie fragwürdige Theorie, die entgegen der historischen Fakten auch häufig in der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus vertreten wird.

Regisseur David Wnendt
© Ascot Elite Home Entertainment
Doch auch wenn man die politischen Aspekte außen vor lässt und den Film stattdessen als ein Drama über eine junge Frau versteht, die in die falschen Kreise geraten ist, funktioniert er nur eingeschränkt. Während Hauptdarstellerin Alina Levshin die Zerrissenheit ihrer Figur ausgesprochen überzeugend spielt und auch die Bildgestaltung von Kameramann Jonas Schmager positiv zu erwähnen ist, ist es auch auf dieser Ebene vor allem das Drehbuch, das zu wünschen übrig lässt. Wenn es einen Ladendiebstahl, eine erzwungene Mitfahrt, eine im Auto vergessene Dose und einen Nagel im Fuß benötigt, um Marisa und Rasul für ein paar Stunden Zeit miteinander verbringen zu lassen, wirkt dies schon arg konstruiert. Spätestens, wenn gegen Ende des Films dann auch noch in einer lebensgefährlichen Situation das Auto nicht angspringt, bekommt man den Eindruck, dass Wnendt für das Schreiben und Inszenieren eines glaubwürdigen Dramas schlicht und ergreifend noch die Erfahrung fehlt.

Vor allem dem differenzierten Spiel von Hauptdarstellerin Alina Levshin ist es zu verdanken, dass Kriegerin bis zum Schluss dennoch interessant bleibt. Doch insgesamt ist der Film zu klischeehaft und oberflächlich, um seinem komplexen Thema wirklich gerecht zu werden.


Interessante Links:
  • artechock: Die Neonazimädels und ihr Milieu – Für Rüdiger Suchsland ist Kriegerin ein Beispiel dafür, dass viele deutsche Drehbücher an übermäßigen Psychologisierungen kranken. 
  • Manifest: Kritik zu Kriegerin – Martin Eberle sieht den Film „als idealtypisches Beispiel für das Niveau des aktuellen Rechtsextremismus-Diskurses“, bei dem Rassismus in Deutschland nur als Problem vom Rande der Gesellschaft gesehen wird.

Freitag, 25. Oktober 2013

Kurzkritiken Halloween 2013

Bald ist Halloween! Inspiriert durch ein Gewinnspiel bei Intergalaktische Filmreisen gibt es deshalb heute eine ganz besondere Sammlung von Kurzkritiken: Fünf mehr oder minder gruselige Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe, die aber noch nicht auf diesem Blog besprochen wurden.


Evil Dead (2013)

Hauptdarstellerin Jane Levy
Im Remake des Splatter-Klassikers Tanz der Teufel verschlägt es eine Gruppe von Freunden in eine Hütte mitten im Wald. Dort, abseits von jeglicher Zivilisation, soll die drogensüchtige Mia (Jane Levy) einen kalten Entzug durchmachen. Nach der Entdeckung eines mysteriösen Buches erwacht jedoch das Böse in den Wäldern zum Leben und versucht, von den fünf Freunden Besitz zu ergreifen. Ein blutiger Kampf um Leben und Tod beginnt...

Sam Raimis Tanz der Teufel von 1981 ist ein Klassiker des Horror-Kinos. Trotz seiner Amateur-Schauspieler und der teilweise eher mittelmäßigen Effekte entwickelt der Film eine unvergleichliche Atmosphäre. Auf dieser Ebene kann das Remake leider nicht vollständig mithalten. Zwar sind Schauspieler und Effekte deutlich professioneller, dafür ist weder der Spannungsaufbau noch die Darstellung des mysteriösen Bösen so effektiv, wie dies im Original der Fall gewesen ist. So ist Evil Dead zwar ein durchaus spannender und unterhaltsamer Splatter-Film, aber wirklich gruselig wird es eigentlich nie.


Ghostbusters (1984)

Bill Murray (2010)
Ein weiterer Klassiker der 80er Jahre, von dem zum Glück bisher noch kein Remake geplant ist, ist die Gruselkomödie Ghostbusters. Als die drei Parapsychologen Ray (Dan Akroyd), Peter (Bill Murray) und Egon (Harold Raimis) von der Columbia University geworfen werden, beschließen sie, Geisterjäger zu werden. Ihre Arbeit ist sehr erfolgreich, bis sie mit einem Gegner konfrontiert werden, der mächtiger ist als alles, was ihnen je vor die Strahlenkanonen gekommen ist: Gozer, der Vernichter...

Wenn einige der besten Comedians der 80er Jahre (neben den bereits genannten spielt Rick Moranis eine geniale Nebenrolle) einen Knallerspruch nach dem nächsten abliefern, dann ist das schon einmal die halbe Miete. Zusammen mit den tollen Special Effects, dem zeitlosen Titelsong und diesem unvergleichlichen Flair der 80er ergibt sich so auch heute noch wunderbares Popcorn-Kino. Da kann man auch leicht darüber hinwegsehen, dass die Story natürlich ziemlich flach und auch nicht besonders spannend ist. Angeblich ist ja ein dritter Teil in Planung, aber ob das heute noch funktionieren kann?


Die Vögel (1963)

Alfred Hitchcock (1956)
Melanie Daniels (Tippi Hedren) lernt in einer Tierhandlung in San Francisco den erfolgreichen Anwalt Mitch Brenner (Rod Taylor) kennen. Die beiden flirten miteinander und Melanie beschließt, Mitch in seinem Elternhaus in Bodega Bay einen Überraschungsbesuch abzustatten. Dort angekommen kommt es zu einem mysteriösen Angriff durch eine Möwe, obwohl diese Tiere sich normalerweise niemals aggressiv gegenüber Menschen verhalten. Melanie bleibt einige Tage in der kleinen Küstenstadt und die Zwischenfälle häufen sich, bis sie schließlich apokalyptische Ausmaße annehmen: In riesigen Schwärmen stürzen sich die Vögel auf die Bewohner des kleinen Ortes...

Man macht sich als Filmfan nicht unbedingt beliebt, wenn man Werke von Alfred Hitchcock kritisiert. Aber auch wenn ich viele seiner Filme grandios finde (z.B. Psycho und Der unsichtbare Dritte), sprechen mich einige Werke des großen Regisseurs deutlich weniger an. Die Vögel liegt da irgendwo in der Mitte. Der Film ist in ansprechenden Bildern gefilmt, gut gespielt und hat beeindruckende Spezialeffekte, weshalb ich ihn als insgesamt durchaus unterhaltsam betrachte. Die Entscheidung, statt herkömmlicher Filmmusik lediglich Vogelgeräusche zu benutzen, ist zwar mutig und kreativ, dennoch hätte mir ein symphonischer Score von Bernard Herrmann vermutlich deutlich besser gefallen. Das größere Manko des Films ist allerdings noch sehr viel schwerwiegender: Er ist jetzt, 50 Jahre später, einfach nicht mehr gruselig.


Der weiße Hai (1975)

Am Strand des amerikanischen Badeortes Amity wird eine junge Frau Opfer eines Hai-Angriffs. Der neue Polizeichef Martin Brody (Roy Scheider) drängt darauf, die Strände zu schließen, doch Bürgermeister Vaughn (Murray Hamilton) ist nicht bereit, auf die Touristeneinnahmen zu verzichten. Dies stellt sich bald als ein schwerwiegender Fehler heraus...

Steven Spielberg (2012)
Steven Spielbergs Jaws gilt als einer der ersten modernen Hollywood-Blockbuster und auch heute noch ist es leicht nachzuvollziehen, warum dieser Film damals ein solch großer Erfolg geworden ist: Die (zumindest zum Teil aufgrund von technischen Schwierigkeiten mit dem Animatronic getroffene) Entscheidung, den Hai nur sehr selten zu zeigen und stattdessen die Angriffe aus der subjektiven Perspektive des Tieres zu filmen, ist ungeheuer effektiv in ihrem Spannungsaufbau. Unterstützt von der minimalistischen und gerade deshalb unvergesslichen Filmmusik von John Williams sind es vor allem diese Szenen aus der ersten Hälfte des Films, die restlos überzeugen können. In der zweiten Hälfte wird jedoch der Jäger zum Gejagten und der Film bewegt sich ein gutes Stück in Richtung Abenteuerfilm, wodurch die Spannung ein wenig abnimmt, doch insgesamt ist Der weiße Hai ohne Frage einer der besten Horrorfilme aller Zeiten.


Zombieland (2009)

Jesse Eisenberg
Nach einer Zombie-Apokalypse gibt es nur noch wenige Menschen, die sich nach wie vor gegen die Untoten zur Wehr setzten. Einer von ihnen ist der schüchterne „Columbus“ (Jesse Eisenberg), der sich auf der Suche nach seinen Eltern in Ohio befindet. Eines Tages trifft er auf den draufgängerischen „Tallahassee“ (Woody Harrelson), der in die gleiche Richtung unterwegs ist, weshalb sie beschließen, einen Teil ihrer Reise gemeinsam zu unternehmen. In einem Supermarkt treffen sie schließlich auf die Schwestern „Wichita“ (Emma Stone) und „Little Rock“ (Abigail Breslin), von denen sie erfahren, dass es in Los Angeles einen Vergnügungspark geben soll, der von den Zombies bisher verschont geblieben ist...

Die britische Produktion Shaun of the Dead hat 2004 gezeigt, dass eine humorvolle Hommage an das Genre des Zombiefilms dann am besten funktioniert, wenn man sich die Mühe macht, nebenbei auch eine gute Geschichte mit interessanten Charakteren zu erzählen. Die Macher von Zombieland haben sich hingegen für eine eher oberflächlichere Vorgehensweise entschieden und liefern stereotype Figuren, deren zwischenmenschliche Konflikte zu keinem Zeitpunkt besonders wahrhaftig erscheinen. Das wäre nur halb so schlimm, wenn es denn wenigstens eine hohe Gagdichte und kreative Formen der Untotenbeseitigung zu bestaunen gäbe. Stattdessen plätschert der Film aber eher unwitzig, unkreativ und unspannend vor sich hin, woran leider auch ein Gastauftritt von Bill Murray nur wenig ändern kann.



Urheber des Fotos von Jane Levy ist Gage Skidmore. Urheber des Fotos von Bill Murray ist gdcgraphics. Urheber des Fotos von Jesse Eisenberg ist Steve Rogers. Alle drei stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0).
Urheber des Fotos von Steven Spielberg ist Romain DUBOIS. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Filmkritik: Gravity (2013)

Der Weltraum-Katastrophenfilm Gravity hat in den USA mit einem Box Office von 56 Millionen Dollar am Startwochenende einen der besten Herbststarts aller Zeiten hingelegt. Regisseur Alfonso Cuarón beweist, dass es kein bekanntes Franchise braucht, um mit einem Science-Fiction-Film Erfolg zu haben und schafft zudem den visuell beeindruckendsten Film des Jahres.

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Wie ich bereits in meinem Jahresrückblick 2012 ausführlicher thematisiert habe, trifft dieses Sprichwort leider auch auf das Mainstream-Kino zu: Die meisten der erfolgreichsten Filme des Jahres sind direkte Fortsetzungen anderer Filme oder stützen sich auf bekannte Franchises. Auch in diesem Jahr setzt sich dieser Trend fort: An den amerikanischen Kinokassen sind die sieben erfolgreichsten Filme des Jahres ausnahmslos Sequels oder greifen auf bereits bekannte Figuren zurück. Erst danach kommen mit Die Croods, Taffe Mädels und World War Z Filme, die eine (mehr oder weniger) neue Geschichte erzählen.

Man kann jedoch den Filmproduktionsfirmen nicht vorwerfen, es nicht zu versuchen. Wenn man nur das Science-Fiction-Genre betrachtet, gab es in diesem Jahr fünf große Produktionen, die ihre Zuschauer tatsächlich in eine unbekannte Welt entführten. Das Publikum dankte den Studios diesen Mut jedoch nicht: Oblivion, After Earth und Elysium waren relativ deutliche Flops, während Pacific Rim zumindest auf den asiatischen Märkten zum Erfolg wurde. Ausgerechnet im normalerweise eher ruhigen Oktober hat sich mit Gravity nun jedoch endlich ein Kassenschlager unter die innovativeren Filme des Genres gesellt: In nur zwei Wochen hat der Film auf dem amerikanischen Markt bereits mehr eingespielt als jedes andere der vier genannten Werke. Zu tun hat dies wohl vor allem mit den fast ausschließlich positiven Rezensionen, die der Film seit seiner Premiere auf den Filmfestspielen in Venedig erhalten hat. Die amerikanische Website Rotten Tomatoes verzeichnet 98 % an positiven Kritiken und listet Gravity damit als einen der am besten rezensierten Filme des Jahres.

Sandra Bullock
Die grundlegende Handlung des Films ist schnell erzählt: In einer Version der nahen Zukunft, in der das amerikanische Space-Shuttle-Programm nicht eingestellt wurde, hat die Mission STS-157 den Auftrag, Wartungsarbeiten am Hubble Weltraumteleskop auszuführen. Für den Astronauten Matt Kowalski (George Clooney) ist es der letzte Ausflug ins All, weshalb er beim Weltraumspaziergang vor allem die Aussicht genießt. Die Medizinerin Ryan Stone (Sandra Bullock) hat hingegen mit Übelkeit zu kämpfen; sie ist das erste Mal im Weltraum und noch nicht an die Schwerelosigkeit gewöhnt. Plötzlich kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall: Eine Trümmerwolke zerstörter Satelliten bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit auf die Astronauten zu. Der Weltraumspaziergang wird abgebrochen, doch es ist zu spät: Der Einschlag der Trümmer hat verheerende Auswirkungen, in deren Folge Stone unkontrolliert in den Weltraum geschleudert wird...

Regisseur Alfonso Cuarón
Vor allem die ersten Minuten dieses Films werden fraglos in die Filmgeschichte eingehen. Regisseur Alfonso Cuarón und Kameramann Emmanuel Lubezki haben bereits in ihrer Inszenierung von Children of Men gezeigt, wie gekonnt sie es verstehen, Action-Szenen mit einer dynamischen Steadicam und so wenig Schnitten wie möglich zu inszenieren und diesen dadurch eine stark spannungssteigernde Unmittelbarkeit zu verleihen. Auch in Gravity machen sie von dieser Technik regen Gebrauch und durch die schwerelose Eleganz, mit der die Kamera durch das All gleitet, wirken diese minutenlangen Einstellungen noch beeindruckender. Zusammen mit den ausgezeichneten Special Effects und dem sehr guten Einsatz von 3D wird ein Kinoerlebnis erzeugt, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat: In einer atemberaubenden Achterbahnfahrt durch den Weltraum steigt der Adrenalinspiegel merklich in die Höhe und man fühlt sich beinahe so, als würde man selbst jederzeit in der Gefahr stehen, in die Einsamkeit des Weltalls abzudriften. Auch im weiteren Verlauf der Handlung sind es immer wieder diese beinahe schnittfreien Action-Sequenzen, die wirklich restlos überzeugen können.

Positiv zu erwähnen ist auch der hochgradige Realismus, der den Film stark von anderen Vertretern des Genres, wie z.B. den aktuellen Filmen des Star-Trek-Franchises, abhebt. Anstatt eine ferne Zukunft mit etlichen technischen Weiterentwicklungen zu zeigen, wird sich stark an der tatsächlichen aktuellen Raumfahrttechnik orientiert. Egal ob Raumanzüge, Werkzeuge oder die Internationale Raumstation ISS, alles sieht weitgehend so aus, wie dies auch in der Wirklichkeit der Fall ist, weshalb man darüber debattieren könnte, ob es sich überhaupt um Science Fiction handelt und nicht eher um ein Action-Drama, das einfach nur im Weltall spielt. Auch ungewöhnlich ist, dass Gravity tatsächlich beachtet, dass es im Weltraum keinen Schall gibt. Bei Außenaufnahmen ist ausschließlich das zu hören, was die Astronauten in ihren Raumanzügen akustisch wahrnehmen können: Den eigenen Atem, die Technik des Anzuges und die Funksprüche der Kollegen. Die zerstörerischen Auswirkungen der Trümmereinschläge sind nur dann zu hören, wenn durch sie die Raumanzüge der Protagonisten in Schwingung versetzt werden.
Dennoch kommt der Film natürlich nicht ganz ohne künstlerische Freiheiten aus: So befindet sich beispielsweise das Hubble fälschlicherweise in direkter Nähe zur Internationalen Raumstation, die Auswirkungen des Satelliten-Zwischenfalls auf die Funkkommunikation werde übertrieben dargestellt und viele Szenen entsprechen nicht ganz den in der Schwerelosigkeit gültigen physikalischen Gesetzen. Dennoch kann Gravity wohl die realistischste Darstellung der Raumfahrt seit Apollo 13 attestiert werden.

George Clooney (2009)
Leider gibt es dennoch einige Punkte, die verhindern, dass man den Film tatsächlich als ein Meisterwerk bezeichnen könnte. Letztlich handelt es sich lediglich um einen Katastrophenfilm im Weltall: Die spektakulären Szenen werden durch eine recht simple Zurück-Nach-Hause-Dramaturgie aneinandergereiht, ohne dass jemals der Versuch unternommen wird, dem Film etwas mehr Tiefe zu verleihen. Auch wird dem Publikum kaum die Möglichkeit gegeben, die Einsamkeit und Lebensfeindlichkeit des Weltraums auf einer emotionalen Ebene nachzuvollziehen. Wenn Stone zu Beginn des Films alleine vom Shuttle abtreibt und Gefahr läuft, verloren zu gehen, spielt Bullock dies zwar durchaus panisch, dennoch überträgt sich leider durch die actionbetonte Inszenierung kaum das Gefühl von Verzweiflung und Todesangst auf den Zuschauer, wie es in solch einer Szene eigentlich nötig wäre. Noch schlimmer ist es bei der Figur von George Clooney, der niemals seine Coolness verliert und so sehr oberflächlich bleibt. Spätere Versuche, zumindest Ryan Stone mehr Tiefe zu verleihen, wirken hingegen unheimlich unbeholfen: Die Geschichte einer verlorenen Tochter und die Gespräche über dieses Thema wirken unglaubwürdig und kalkuliert. Der traurige Höhepunkt findet sich relativ spät im Film, wo ein Funkkontakt zur Erde zu einer berührend gemeinten aber insgesamt eher peinlichen Szene führt, die nur durch Sandra Bullocks Schauspielkünste vor der völligen Lächerlichkeit bewahrt wird.

So ist Gravity insgesamt ein ziemlich zweischneidiges Schwert. Während Inszenierung, Kamera-Arbeit und Spezialeffekte an Perfektion grenzen und den Action-Szenen eine unglaublich intensive Wirkung verleihen, hat das Drehbuch zu viele Schwächen, um den Film als das Meisterwerk bezeichnen zu könne, als das es vielerorts gehandelt wird. Wegen der atemberaubenden Bilder und der hohen Spannung sollte man sich Gravity dennoch unbedingt auf der großen Leinwand ansehen.

Trailer:


Urheber des Fotos von Sandra Bullock ist Richard Goldschmidt. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported (CC BY 3.0)
Urheber des Fotos von Alfonso Cuarón ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)
Urheber des Fotos von George Clooney ist Nicolas Genin. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0)

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Filmkritik: Frances Ha (2012)

Von den Kritikern gelobt, doch an den Kinokassen nur wenig erfolgreich: Die Tragikomödie Frances Ha von Noah Baumbach erzählt von einer jungen Frau in New York, die Tänzerin werden will. 

Sophie (Mickey Summer) und Frances (Greta Gerwig)
© Copyright Pine District, LLC./ MFA+ FilmDistribuion e.K.
Der Schauplatz ist New York, die Bilder sind in körnigem Schwarz/Weiß gedreht. Eine ernstzunehmende Geschichte gibt es eigentlich nicht, stattdessen begleitet die Kamera die sich in einer Identitätskrise befindliche Hauptfigur des Films bei einer Reihe von mehr oder weniger alltäglichen Begebenheiten, die größtenteils in einer humorvollen Art und Weise dargestellt werden. Ja, ein Vergleich zu Woody Allens Klassiker Manhattan (1979) drängt sich irgendwie auf, wenn man sich Noah Baumbachs Independent-Komödie Frances Ha ansieht, die seit dem 1. August in den deutschen Kinos läuft. Und tatsächlich äußerte der Regisseur in Interviews, dass er sich beim Look des Films an den frühen Werken Allens orientierte. Doch abgesehen von diesen eher oberflächlichen Ähnlichkeiten handelt es sich doch um zwei sehr unterschiedliche Filme, was unter anderem an den recht gegensätzlichen Hauptfiguren liegt. Statt eines zynischen Intellektuellen in der Midlife-Crisis steht in Frances Ha eine 27-jährige Tänzerin im Mittelpunkt, die Schwierigkeiten hat, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Frances (Greta Gerwig) wohnt mit ihrer besten Freundin Sophie (Mickey Summer) in einer WG und macht eine Ausbildung bei einem Tanzensemble in Brooklyn. Doch als Sophie beschließt, in einen anderen Stadtteil zu ziehen, zieht dies eine Reihe von Veränderungen für Frances nach sich...

Greta Gerwig, die zusammen mit Baumbach auch das Drehbuch geschrieben hat, legt Frances als eine ausgesprochen ungewöhnliche Protagonistin an, die in ihrer naiven Skurrilität auf der einen Seite sehr sympathisch ist, auf der anderen aber in vielen Situationen zum Fremdschämen einlädt. So ist diese Figur gleichzeitig überspitzt und wirkt dennoch realistisch, was sich auch über die vielen grotesken Situationen und Gespräche sagen lässt, die im Verlaufe des Films gezeigt werden. Frances steht hierbei für eine Generation, die erst deutlich später erwachsen werden muss, als dies früher der Fall war, und deren Leben von viel Freiheit, aber auch von viel Unsicherheit geprägt ist. Frances lebt, wie so viele in ihrem Alter, ziellos vor sich hin und der Film nimmt sich in seiner Struktur diesen Lebensstil zum Vorbild. Denn auch wenn die Protagonistin durchaus die eine oder andere Prüfung zu bestehen hat und eine gewisse Entwicklung durchmacht, sind Dramaturgie und Spannung keine Schwerpunkte in Baumbachs Inszenierung. Aber auch der Humor ist eher von der subtilen Sorte, weshalb der Film insgesamt nicht unbedingt als fesselnd zu bezeichnen ist.

Dies sind Aspekte, die mich in Manhattan gestört haben und auch hier hätte ich mir stellenweise einfach etwas „mehr“ gewünscht. Dass mir Frances Ha insgesamt dennoch recht gut gefallen hat, liegt vor allem an zwei Dingen: Zum einen ist die Hauptfigur so gut geschrieben und gespielt, dass es eine Freude ist, 90 Minuten mit ihr zu verbringen. Zum anderen, und da besteht ein weiterer großer Unterschied zu Allens Klassiker, hat die Geschichte einen emotionalen Kern, der den Film zu mehr macht als eine reine Komödie. Frances erfährt, dass sie das Tanzensemble verlassen muss und entscheidet sich in einer Kurzschlusshandlung zu einem Wochenendausflug nach Paris. Dort angekommen will sie sich mit einer Freundin treffen, die sie jedoch nicht erreicht, weshalb sie ihre Zeit schließlich mit ziellosen Wanderungen durch die Stadt verbringt. In einem Telefonat mit Sophie versucht Frances, ihre Frustration und Einsamkeit zu überspielen, doch in Greta Gerwigs Schauspiel sind sie dennoch offenbar und für den Zuschauer deutlich mitfühlbar. Und in diesem Moment wird spätestens deutlich, dass Frances Ha mehr ist, als eine Aneinanderreihung humorvoller Ereignisse. Es geht um den Wunsch danach, einen Platz in dieser Welt zu finden, an dem man sich zu Hause fühlen kann, und darum, wie schwierig es sein kann, diesen in unserer heutigen Welt zu finden.

Da Frances Ha weder besonders spannend noch zum Wegschmeißen lustig ist, muss man als Zuschauer schon etwas Geduld mitbringen. Doch das wird belohnt, denn der Film hat nicht nur eine der ungewöhnlichsten Protagonistinnen dieses Kinojahres, sondern erzählt auch viele Wahrheiten über das Leben der Mittzwanziger am Anfang des 21. Jahrhunderts.

--

Auch wenn Frances Ha nun schon in der 11. Woche läuft, ist er deutschlandweit immer noch in ca. 50 Kinos zu sehen. Wo genau steht auf kino.de. Ab 3. Dezember ist der Film außerdem auf DVD und BluRay erhältlich.

Samstag, 28. September 2013

Filmkritik: Kap der Angst (1991)

Ein psychopathischer Ex-Sträfling versetzt einen Anwalt und seine Familie in Angst und Schrecken. Martin Scorseses Neuinterpretation des 50er-Jahre-Thrillers Ein Köder für die Bestie zeigt, dass Remakes keineswegs überflüssig sein müssen. 

Das Remake ist ein bemitleidenswertes Wesen. Während der durchschnittliche Kinogänger sich häufig gar nicht im Klaren darüber ist, dass der Film, den er gerade sieht, auf einem älteren Werk beruht, sind Neuverfilmungen bei Cineasten hochgradig unbeliebt. „Überflüssig“ ist in vielen Filmforen noch das wohlwollendste Urteil, während manchen Remakes sogar vorgeworfen wird, dem Originalfilm irreparablen Schaden zuzufügen.
Während letztere Aussage wohl ein wenig über das Ziel hinausschießt, ist es natürlich durchaus fragwürdig, ob es beispielsweise das vor einigen Monaten in den Kinos gelaufene Horror-Remake Evil Dead geschafft hat, seinem Original irgendetwas Nennenswertes hinzuzufügen. Dennoch gibt es auch Neuverfilmungen, die genug Eigenständigkeit besitzen, um sich selbst zu Klassikern zu entwickeln.

Ein Beispiel hierfür ist der Thriller Kap der Angst von Martin Scorsese aus dem Jahr 1991, der auf dem rund 30 Jahre zuvor entstandenen Film Ein Köder für die Bestie basiert. Die Geschichte dieser beiden Werke ist grundlegend dieselbe: Der Ex-Häftling Max Cady kommt aus dem Gefängnis frei und beginnt, den erfolgreichen Anwalt Sam Bowden zu terrorisieren, dem er die Schuld für seine langjährige Haftstrafe gibt. Während der psychopathische Kriminelle in seinem Verhalten immer bedrohlicher wird, versucht der Protagonist verzweifelt, seine Familie zu schützen. Schließlich kommt es zu einem sensationellen Showdown auf dem Cape Fear River.

Im Gegensatz zu vielen Remakes der letzten Jahre macht Martin Scorsese zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus, dass es sich bei seinem Film um eine Neuinterpretation eines Klassikers handelt. So ist die Filmmusik zu Kap der Angst sogar tatsächlich dieselbe, die Bernard Hermann für das Original komponierte, jedoch neu arrangiert und ergänzt von Elmer Bernstein. So bekommt der Film in seinen ersten Minuten ein recht klassisches Flair, das noch dadurch verstärkt wird, dass Saul Bass in Zusammenarbeit mit seiner Frau das Design für den beeindruckenden Vorspann entworfen hat, eine Aufgabe, die er bereits für Filmklassiker wie Vertigo und Spartacus übernahm.

Martin Scorsese (2002)
Doch dieser erste Eindruck trügt, denn die Inszenierung dieses Thrillers ist alles andere als angestaubt. Scorsese nutzt ein breites Repertoire an Negativbildern, Jump Cuts, Zooms, ungewöhnlichen Kameraperspektiven, subjektiver Kamera, zum Publikum gewandten Dialogzeilen und anderen Stilmitteln, die dem Film einen teilweise recht artifiziellen Charakter verleihen. Zusätzlich wird durch Details wie einen häufig laufenden Fernseher, auf dem meist Thriller, Horrorfilme und Parodien auf diese Genres zu sehen sind, dem Film eine interessante Meta-Ebene hinzugefügt. So kann man feststellen, dass es sich bei Kap der Angst nicht nur um einen Thriller handelt, sondern auch um einen Film über Thriller. Der Höhepunkt dieser Selbstreflexivität ist wohl das Auftreten von Gregory Peck, Robert Mitchum und Martin Balsam, die als Darsteller des Originalfilms mit diesen Cameos dem Remake in gewisser Weise auch ihren Segen geben.

Robert De Niro (2008)
Diese Besonderheiten der Inszenierung führen größtenteils dazu, dass man als Zuschauer eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen aufbaut, weshalb der Film die meiste Zeit nicht so spannend ist, wie er theoretisch sein könnte. Auch das Pacing ist in der ersten Hälfte der Handlung sogar langsamer als dies im Original von J. Lee Thompson der Fall gewesen ist, was wohl eher als ungewöhnlich bezeichnet werden kann für ein Remake eines so alten Films. Der Grund hierfür ist allerdings, dass sich Scorsese in Zusammenarbeit mit seinem Drehbuchautor Wesley Strick die Zeit nimmt, seine Figuren zu glaubhaften Persönlichkeiten zu formen. Während Sam Bowden im Orginal ein Bilderbuchanwalt mit Bilderbuchfrau und Bilderbuchtochter ist, zeichnet das Remake keine solch heile Welt.
Im Gegensatz zur ursprünglichen Fassung hat Bowden (Nick Nolte) tatsächlich Schuld auf sich genommen, als er 14 Jahre zuvor Max Cady (Robert De Niro) bei einem Vergewaltigungsprozess vertrat: Er ließ ein Gutachten über das Sexualverhalten des Opfers verschwinden, das eine Minderung der Haftstrafe bedeutet haben könnte. Auch die Familie ist in Scorseses Version alles andere als intakt. Das Vertrauen zwischen Sam und seiner Frau Leigh (Jessica Lange) ist seit einer länger zurückliegenden Affäre erschüttert. Unter dem Druck der Bedrohung von außen brechen die alten Wunden wieder auf und es kommt zu häufigen Streits zwischen den beiden, die auch dafür sorgen, dass die 15-jährige Tochter Danielle (Juliette Lewis) sich immer weiter von ihren Eltern distanziert. Max Cady erkennt diese Probleme und will sie für sich nutzen. So versucht er in einer der außergewöhnlichsten Szenen des Films, Danielle, die über die Ausmaße seiner Gewalttätigkeit im Unklaren gelassen wurde, auf seine Seite zu ziehen.

Während die Spannungskurve im ersten Drittel von Kap der Angst im Vergleich zum Original eher flach verläuft, verhält es sich im großen Finale genau umgekehrt. Das Ende von Ein Köder für die Bestie war einer der großen Schwachpunkte des Films: Der Kampf auf Leben und Tod zwischen den Bowden und Cady wirkt aus heutiger Perspektive relativ schwerfällig und nur wenig spannend. Scorsese hingegen zieht für das Ende seines Remakes noch einmal alle Register und liefert eine gehörige Portion an Action und Nervenkitzel, die den Begriff Höhepunkt tatsächlich auch verdient.
Da es für diese ausgiebige Sequenz keine passenden Stellen in der originalen Filmmusik von Bernard Herrmann gab, hat sich Elmer Bernstein entschieden, ein ungenutztes Werk des Komponisten für das Finale heranzuziehen. Herrmann hatte 1966 für Hitchcocks Der zerrissene Vorhang einen Score geschrieben, der nicht den Vorstellungen des Regisseurs entsprach und daher im fertigen Film nicht verwendet wurde. Diese Komposition ist also nun im finalen Kampf auf dem Cape Fear River zu hören.

Auch wenn Kap der Angst insgesamt deutlich komplexer und kreativer geworden ist als sein Original, ist der Film keineswegs ohne Schwächen. Robert De Niro spielt seine Figur zwar durchaus überzeugend, dennoch hat der Max Cady des Remakes nie die furchteinflößende Ruhe und emotionale Distanziertheit, die Robert Mitchums Figur so einzigartig macht. Auch wird die Bedrohung, die vom Antagonisten ausgeht, im Original deutlich subtiler dargestellt. Auf gewisse Weise ist es einfach beunruhigender, sich vorzustellen, wie es aussehen könnte, wenn Cady eine Frau vergewaltigt, als es wirklich gezeigt zu bekommen. Und wenn Robert Mitchum der Tochter des Protagonisten einen lüsternen Blick zuwirft, wirkt das auf unerklärliche Weise deutlich bedrohlicher, als wenn Robert De Niro sich ihr sehr viel deutlicher sexuell nähert.

Insgesamt ist es Scorsese gelungen, mit Kap der Angst ein Remake zu schaffen, das sich in vielfältiger Weise vom Original abhebt. Herausgekommen ist weder einer der spannendsten noch einer der subtilsten Thriller aller Zeiten. Dies kann der Film jedoch problemlos durch seine Kreativität und Vielschichtigkeit wieder ausgleichen. 


Urheber des Fotos von Martin Scorsese ist Rita Molnár. Urheber des Fotos von Robert De Niro ist Petr Novák, Wikipedia. Beide stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.5).

Sonntag, 15. September 2013

Filmkritik: Badlands – Zerschossene Träume (1973)

Ein kriminelles Paar auf der Flucht vor der Polizei. Was nach spektakulärer Genre-Kost klingt wird unter der Regie von Terrence Malick (The Tree of Life) zu einem zumindest auf den ersten Blick eher ernüchternden Filmerlebnis.

Martin Sheen (2008)
Fort Dupree, South Dakota, Ende der 50er Jahre: Der 25-jährige Müllmann Kit (Martin Sheen) lernt eines Nachmittags die 15-jährige Schülerin Holly (Sissy Spacek) kennen. Schnell fühlen sich die beiden zueinander hingezogen, doch Hollys Vater (Warren Oates) lässt sich nicht davon überzeugen, einer Beziehung zwischen dem ungleichen Pärchen zuzustimmen. Als Kit schließlich versucht, mit Holly durchzubrennen, setzt ihr Vater alles daran, dies zu verhindern. Es kommt zu einer Konfrontation an deren Ende Hollys Vater von Kit erschossen wird. Das Paar muss fliehen und versucht, durch ein auf Schallplatte aufgezeichnetes Geständnis die Behörden davon zu überzeugen, dass sie Selbstmord begangen haben. Doch die Polizei ist ihnen schnell auf den Fersen und bald kommt es zu weiteren Morden – eine Spirale der Gewalt, aus der es kein Entfliehen zu geben scheint...

Die Geschichte eines jungen Pärchens, das auf die schiefe Bahn gerät und von der Polizei durchs ganze Land gejagt wird, wurde inzwischen schon häufig im Kino erzählt. Seinen Anfang hatte diese Mischung aus Roadmovie, Romanze und Gangster-Film Ende der 60er Jahre mit Bonnie und Clyde (1967), der zudem als einer der Auslöser der New-Hollywood-Bewegung gilt. Sechs Jahre später verfilmt Terrence Malick mit Badlands einen ähnlichen Stoff: Sein Film basiert auf der wahren Geschichte von Charles Starkweather und Caril Ann Fugate, die Ende der 50er Jahre auf der Flucht vor der Polizei eine Reihe von Morden begingen.

Sissy Spacek (2011)
Doch Malicks Inszenierung macht diesen Film zu einem nicht besonders zugänglichen Werk. Die große Distanz zu den Charakteren macht eine Identifikation mit ihnen ausgesprochen schwierig: Es ist weder nachzuvollziehen, warum Kit selbst in Momenten mordet, in denen dies nicht notwendig wäre, noch wird wirklich klar, warum Holly weiter bei ihm bleibt. Auf die von ihnen ausgeübte Gewalt reagieren beide ausgesprochen emotionslos, was für den Zuschauer nur schwer nachzuvollziehen ist. Die gezeigten Gewalttaten werden weder romantisiert noch verurteilt, weder mit zynischem Humor noch mit großer Dramatik erzählt, stattdessen vermittelt der Film seine Handlung genauso beiläufig, distanziert und nüchtern, wie die Protagonisten ihre Morde begehen. Im Kontrast zu dieser dokumentarischen Erzählhaltung bedient sich Badlands jedoch stellenweise auch einer durchaus poetischen Form der Inszenierung. Malicks Faible für ästhetische Naturbilder und häufiges Voice-Over, das er in The Tree of Life (2011) schließlich auf die Spitze trieb, findet sich auch bereits in diesem Debütfilm wieder, jedoch ohne sich jemals so sehr in den Vordergrund zu drängen, wie dies dem Spätwerk des Regisseurs oft vorgeworfen wird.

Zur Zeit der Veröffentlichung von Badlands bezeichnete der Filmkritiker Vincent Canby Kit und Holly als „the self-absorbed, cruel, possibly psychotic children of our time“. Diese Interpretation des Films als einen gesellschaftskritischen Kommentar über die Jugend der frühen 70er Jahre ist aber natürlich nur eine mögliche Erklärung für den ungewöhnlichen Stil dieses Werkes. Vielleicht ist Badlands auch einfach einer jener Filme, die man zur Zeit ihrer Entstehung gesehen haben muss, um sie wirklich wertschätzen zu können. So konnten mich zwar die guten schauspielerischen Leistungen, schönen Bilder und die stellenweise recht geniale Musikuntermalung durchaus beeindrucken, insgesamt ist der Funke aber nicht so ganz übergesprungen. Doch gesehen haben sollte man diesen Film auf jeden Fall und sei es nur, um ein Stück Filmgeschichte kennenzulernen, ohne das moderne Vertreter dieses Subgenres wie Wild at Heart (1990), True Romance (1993) und Natural Born Killers (1994) wohl niemals entstanden wären.

Badlands ist ein ästhetisch gefilmtes aber eher ruhig und nüchtern erzähltes Serienmörder-Roadmovie, das weitgehend weder etablierten Genre-Konventionen noch modernen Sehgewohnheiten entspricht. Wer aber gerade solche Filme interessant findet oder ein einflussreiches Stück Filmgeschichte sehen möchte, dem sei dieses Werk dennoch wärmstens ans Herz gelegt.


Interessante Links


Urheber des Fotos von Martin Sheen ist Brian McGuirk. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0).
Urheberin des Fotos von Sissy Spacek ist Angela George. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Donnerstag, 22. August 2013

Filmkritik: Der Fuhrmann des Todes (1921)

Nachdem sich bereits die letzten beiden Filmkritiken Klassikern der Filmgeschichte gewidmet haben, gibt es heute nun erstmals eine Kritik zu einem Stummfilm: Dem schwedischen Drama Der Fuhrmann des Todes (Originaltitel: Körkarlen) von Victor Sjöström.

In einer Silversternacht liegt die für die Heilsarmee tätige Schwester Edit (Astrid Holm) im Sterben. Sie ist an der Schwindsucht erkrankt und ihr letzter Wunsch ist es, vor ihrem Tod noch einmal mit David Holm (Victor Sjöström) zu sprechen. Doch der verwahrloste Mann sitzt trinkend mit zwei Freunden am Straßenrand und weigert sich, zu der kranken Frau zu gehen. Im darauf folgenden Kampf zwischen ihm und seinen beiden Saufkumpanen stirbt Holm und sein Geist begegnet dem Fuhrmann des Todes (Tore Svennberg). Da Holm der letzte Mensch ist, der im alten Jahr sein Leben verliert, muss er für das nächste Jahr das Amt des Fuhrmanns übernehmen und die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich bringen. Vorher erinnert ihn der aktuelle Amtsinhaber jedoch an die Sünden, die Holm in seinem Leben begangen hat und die der Grund für diese grausame Strafe sind...

Selma Lagerlöf
Vorlage für dieses Drama mit übernatürlichen Elementen ist die 1912 erschienene gleichnamige Novelle der Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Die Nobelpreisträgerin war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der wichtigsten Autorinnen Schwedens und ist heute vor allem wegen ihres Kinderbuchs Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen bekannt. Doch die meisten Werke Lagerlöfs waren an eine erwachsene Leserschaft gerichtet und viele von ihnen wurden als Spielfilme adaptiert. Victor Sjöström war in dieser Zeit einer der erfolgreichsten Regisseure Skandinaviens und Der Fuhrmann des Todes war bereits das vierte Buch Lagerlöfs, das er auf die Leinwand brachte. Wie in vielen seiner Filme übernahm Sjöström die Hauptrolle selbst und spielt überzeugend einen hoffnungslosen Alkoholiker, der wegen seiner Trinksucht erst seine Familie und bald auch seine Menschlichkeit verliert. Doch auch die anderen Darsteller spielen ihre Figuren ausgesprochen realistisch, wodurch die tragische Geschichte eine sehr emotionale Wirkung bekommt. Kameramann Julius Jaenzon fängt das Geschehen in kunstvollen Bildern ein und schafft es durch einen gekonnten Einsatz von Doppelbelichtungen, dem Fuhrmann und den Seelen der Toten ein geisterhaftes Aussehen zu geben. So ergibt sich insgesamt ein auch heute noch sehr sehenswerter Film, der lediglich in der Mitte seiner Laufzeit etwas straffer hätte erzählt werden können.

Die in Deutschland bei absolut medien erschienene DVD zeigt den Film in einer restaurierten Fassung, die eine recht hohe Bildqualität liefert und bei der auch die Viragierung rekonstruiert wurde (Szenen, die tagsüber oder in Innenräumen spielen, sind also in Sepiatönen gefärbt, während Nachtaufnahmen einen leichten Blaustich haben). Die enthaltene Filmmusik, die 1995 von Elena Kats-Cherin komponiert wurde, ist sehr atmosphärisch und wirkt nur in wenigen Momenten etwas zu modern für einen fast hundert Jahre alten Film. Die deutschen Untertitel zu den schwedischen Zwischentiteln sind leider etwas zu knapp geraten, wodurch es an manchen Stellen etwas schwierig ist, der verschachtelt erzählten Geschichte zu folgen. Die deutschen Untertitel auf der aus Schweden beziehbare DVD des Svenska Filminstitutet sollen diesbezüglich gelungener sein. Außerdem ist hier eine wenige Minuten längere Fassung des Films enthalten, die vor allem das Ende noch etwas verständlicher macht. Wer das nötige Kleingeld hat, sollte also lieber zu dieser Veröffentlichung greifen.

Der Fuhrmann des Todes kann wegen seiner hervorragenden Schauspieler und den beeindruckenden Bildern auch heute noch überzeugen und ist jedem, der etwas mit Stummfilmen anfangen kann, wärmstens zu empfehlen. Lediglich kleine Längen im Mittelteil der Geschichte trüben etwas den Gesamteindruck.

Montag, 19. August 2013

Media Monday #112

Heute ist der Fragebogen des Medienjournal-Blogs ein wenig anders als sonst, denn dieses Mal geht es darum, etwas über ein prägendes Filmerlebnis aus der Jugend zu schreiben.

Meine Antworten sind fett und lila formatiert:

1. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind/Teenager den Film Jurassic Park sah und daran, dass neben den grandiosen Special Effects, vor allem der stimmungsvolle Spannungsaufbau in der Einleitung mich tief beeindruckt hat.

2. Das hatte nicht nur zur Folge, dass ich den Film in meiner Jugend bestimmt zwanzig Mal gesehen habe und ich ein ziemlicher Dino-Fan wurde, sondern auch, dass ich, damals noch unbewusst, ein großer Fan von gut gemachten Einleitungen geworden bin.

3. In den darauffolgenden Jahren nahm meine Begeisterung für Dinosaurier langsam wieder ab, doch Jurassic Park ist immer einer meiner Lieblingsfilme geblieben.

4. Deshalb begeistern mich gut inszenierte erste Akte noch heute. Wenn es ein Regisseur schafft, mich zu Beginn überzeugend in seine Welt zu entführen, dann ist der später ausbrechende Konflikt umso spannender und mitreißende.

5. Aus diesem Grund ist Jurassic Park ohne Zweifel eines der prägendsten Filmerlebnisse für mich.

Samstag, 17. August 2013

Filmkritik: Ein Köder für die Bestie (1962)

Vor 51 Jahren, am 17. August 1962, kam der Thriller Ein Köder für die Bestie in die deutschen Kinos. Heute ist vor allem das Remake Kap der Angst von Martin Scorsese bekannt, doch auch das Original ist ein interessantes Stück Filmgeschichte.

Das Hollywood-Kino machte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutende Veränderungen durch. Das Fernsehen wurde nach und nach zu einer immer bedeutenderen Konkurrenz und so hatte sich die Zahl der Kinobesucher innerhalb nur weniger Jahre halbiert. Um die Zuschauer wieder vor die Leinwände zu locken, musste die Filmindustrie es schaffen, sich auf irgendeine Weise von den in den Wohnzimmern zu empfangenden Programmen zu unterscheiden. Auf der technischen Seite führte dies zu Entwicklungen wie der endgültigen Durchsetzung des Breitbildformats, doch auch inhaltlich gab es bedeutsame Veränderungen. So verlor die Selbstzensur der amerikanischen Filmindustrie (der sogenannte Production Code) immer mehr an Bedeutung, weshalb ab Mitte der 50er Jahre deutlich expliziter mit den Themen Gewalt und Sexualität umgegangen werden konnte, als dies zuvor möglich gewesen war. Genres wie der Thriller konnten durch diese neuen Freiheiten das Publikum nun sehr viel direkter mit Sex und Gewalt konfrontieren und boten so eine Form von Unterhaltung, die auf den konservativen TV-Networks nicht zu finden war.

Ein Beispiel hierfür ist Ein Köder für die Bestie (Cape Fear), der 1962 in die Kinos kam. Protagonist des Films ist der erfolgreiche Anwalt Sam Bowden (Gregory Peck), der mit seiner Familie in einer Kleinstadt im amerikanischen Bundesstaat Georgia lebt. Eines Tages nach einer Verhandlung begegnet er Max Cady (Robert Mitchum), einem Mann, gegen den Bowden einige Jahre zuvor in einem Prozess als Zeuge ausgesagt hatte. Cady, der damals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, macht Bowden für seine Haft verantwortlich und lässt durchblicken, dass er vorhat, sich an ihm dafür zu rächen. Cady beginnt, Bowden zu verfolgen und immer bedrohlicher in seinen Äußerungen zu werden, doch da er keine offenen Drohungen ausspricht und das bloße Nachstellen nicht strafbar ist, sind dem Gesetz bald die Hände gebunden. Schließlich muss Bowden erkennen, dass nur er selbst seine Familie gegen den erbarmungslosen Kriminellen beschützen kann...

Aus heutiger Sicht ist dieser Thriller von Regisseur J. Lee Thompson natürlich nicht mehr so spannend, wie dies für ein zeitgenössisches Publikum der Fall gewesen sein muss. Dennoch ist der Film durchaus interessant, besonders was die Form der Bedrohung betrifft, die von Max Cady ausgeht. Denn während in früheren Vertretern des Genres meistens Mord im Vordergrund stand, repräsentiert Cady vor allem die Bedrohung durch sexuelle Gewalt. So vergewaltigt der Antagonist im Laufe der Handlung eine junge Frau (Barrie Chase), die jedoch aus Angst und Scham auf eine Anzeige verzichtet. Cady macht klar, dass er nicht davor zurückschrecken würde, sich auch an Bowdens 14-jähriger Tochter Nancy (Lori Martin) zu vergehen, ein Thema, das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films in Großbritannien der Zensur zum Opfer fiel.

Polly Bergen (2012)
Positiv hervorzuheben an diesem Film sind vor allem die Schauspieler. Robert Mitchum verkörpert hier zum zweiten Mal nach Die Nacht des Jägers (1955) den Bösewicht und macht mit seinem unvergleichlichen Schauspiel aus Cady eine ausgesprochen unangenehme Figur. Aber auch Gregory Peck, Polly Bergen (die seine Frau Peggy spielt) und Lori Martin können in ihren Darstellungen vollauf überzeugen. Großartig ist auch die Filmmusik des Komponisten Bernard Herrmann, der zwei Jahre zuvor den berühmten Score zu Alfred Hitchcocks Psycho verfasst hatte. Doch der Vergleich zu Hitchcocks Meisterwerk zeigt auch, was Cape Fear fehlt, um wirklich vollends zu überzeugen. Während in Psycho die überraschenden Wendungen in der Story und der psychologisch vielschichtig angelegte Mörder selbst heute noch beeindrucken können, ist Thompsons Thriller im Endeffekt dann doch zu eindimensional und vorhersehbar, um sich mit dem Master of Suspense messen zu können.

Insgesamt ist Ein Köder für die Bestie ein solide inszenierter Thriller mit tollen Schauspielern und einer großartigen Filmmusik, dem es jedoch ein wenig an Überraschungen und Tiefe fehlt, um auch heute noch völlig überzeugen zu können.

Urheber des Fotos von Polly Bergen ist David Shankbone. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported (CC BY 3.0).

Freitag, 9. August 2013

Filmkritik: Die Unbestechlichen (1976)

Heute vor 39 Jahren, am 9. August 1974, trat Richard Nixon als erster Präsident der Vereinigten Staaten von seinem Amt zurück. Ursache war der sogenannte Watergate-Skandal: Mehrere illegale Praktiken der Regierung wurden aufgedeckt, zu denen u.a. die versuchte Verwanzung der Zentrale einer Unterorganisation der Demokratischen Partei gehörte. Einen erheblichen Anteil an der Aufklärung dieser Affäre hatten zwei Journalisten der Washington Post, deren Geschichte in dem Polit-Thriller Die Unbestechlichen erzählt wird.

Manche Filme sind zeitlos. Wenn man einen Western aus den 40er Jahren anguckt, dann mag dieser stellenweise etwas angestaubt wirken, doch grundsätzlich ist solch ein Film heute noch genauso leicht zu konsumieren wie bei seiner Premiere. Der Kampf eines gutherzigen Sherrifs gegen ehrlose Banditen ist heute genauso spannend anzusehen wie damals und es wird kaum Hintergrundwissen zu den gezeigten Ereignissen vorausgesetzt.

Regisseur Alan J. Pakula (1990)
Andere Filme richten sich jedoch deutlich an ein zeitgenössisches Publikum. Ein Beispiel hierfür ist der Polit-Thriller Die Unbestechlichen von 1976. Zum Zeitpunkt seiner Premiere war die Watergate-Affäre in den USA bereits jahrelang in Presse und Fernsehen ausgebreitet worden und so konnten Regisseur Alan J. Pakula und Drehbuchautor Wiliam Goldman von genug Vorwissen ausgehen, um nicht die ganze Geschichte nacherzählen zu müssen, sondern sich stattdessen auf zwei Individuen konzentrieren zu können, die eine wichtige Rolle in der Aufklärung des Skandals spielten. So verfilmten sie das Sachbuch All the President's Men (dt. Die Watergate-Affäre), in der die beiden Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward berichten, wie sie eine der größten Verschwörungen der amerikanischen Geschichte aufdeckten. Doch heute, beinahe 40 Jahre später, sind die Namen der in den Skandal involvierten Politiker weitgehend unbekannt, wodurch der Film inzwischen teilweise schwer verständlich ist.

Die Unbestechlichen beginnt mit dem Einbruch in den Watergate-Gebäudekomplex in Washington D.C. am 17. Juni 1972. Fünf Männer versuchen, in die Zentrale des Democratic National Comittee einzudringen und diese mit Abhöreinrichtungen zu versehen, doch sie werden entdeckt und verhaftet. Vor Gericht verweigern die Männer die Aussage und die Hintergründe bleiben daher vorerst unklar. Doch zwei Reporter der Washington Post, Carl Bernstein (Dustin Hoffman) und Bob Woodward (Robert Redford), finden bei ihren Recherchen Hinweise darauf, dass Mitarbeiter von Nixons Committee for the Re-Election of the President die Fäden gezogen haben könnten. Doch die wenigen Menschen, die bereit sind, mit den Journalisten über das Thema zu sprechen, wollen anonym bleiben und Chefredakteur Ben Bradlee (Jason Robards) ist daher zuerst zögerlich, ob diese schweren Anschuldigungen wirklich den Weg in seine Zeitung finden sollten...

Robert Redford (2005)
Nach und nach wird die Verschwörung durch die beiden Protagonisten aufgeklärt. Die Schwierigkeit, dem Ganzen zu folgen, wenn etliche Namen genannt werden, die man noch nie zuvor gehört hat, macht den Filmkonsum keineswegs zu einer entspannten Angelegenheit. Dennoch ist der Film auch heute noch ausgesprochen sehenswert. Obwohl manchmal der Eindruck entsteht, dass in Die Unbestechlichen fast ausschließlich telefoniert wird, schafft es Pakula, eine ungeheure Spannung zu entwickeln. Dies liegt auch an den großartigen Hauptdarstellern, die ihre Figuren überzeugend verkörpern, so dass sich deren Aufregung, Anspannung und Begeisterung schnell auf das Publikum überträgt. Pakula unterstützt die hervorragende Arbeit seiner Schauspieler, indem er ihnen in langen ungeschnittenen Einstellungen Gelegenheit zur Entfaltung gibt. Herzstück des Films ist daher auch eine sechsminütige Einstellung, in der Woodward in einem langsamen Zoom gezeigt wird, während er telefonisch eine wichtige Information enthält. Redford spielt hier so großartig, dass sogar ein Versprecher des Schauspielers nicht herausgeschnitten wurde: Er nennt seinen Gesprächspartner beim falschen Namen und korrigiert sich kopfschüttelnd, doch da Redford seine Rolle nicht verlässt, wirkt dieser Fehler wie ein bewusstes Stilmittel, um die Aufgeregtheit der Figur zu verdeutlichen.

Auch die Nebenrollen sind perfekt besetzt. Neben Jason Robards, der für seine Rolle als Chefredakteur den Oscar erhielt, können auch Martin Balsam und Hal Holbrook (die bereits in Die zwölf Geschworenen zusammenarbeiteten) als erfahrene Redaktionsmitglieder überzeugen. Das ebenfalls mit einem Academy Award ausgezeichnete Szenenbild von George Jenkins und George Gaines stellt die Redaktionsräume der Washington Post in perfektionistischer Detailgenauigkeit nach (selbst die Schreibtische stammten vom selben Hersteller wie die Originale) und Kameramann Gordon Willis inszeniert das Großraumbüro in Bildern mit einer beeindruckenden Tiefenwirkung.

Richard Nixons Vereidigung 1973
Das Ende des Films könnte auf einige Zuschauer etwas abrupt wirken, denn die Handlung bricht in dem Moment ab, in dem Nixon zu seiner zweiten Amtszeit vereidigt wird und die beiden Journalisten gerade an dem Artikel schreiben, der dazu beigetragen hat, dass diese von nur kurzer Dauer war. Alle weiteren Ereignisse werden lediglich in kurzen Agenturmeldungen zusammengefasst. Doch dies ist letztendlich nur logisch, denn schließlich handelt es sich nicht um einen Film über Richard Nixon oder über Watergate, sondern um einen Film darüber, welchen Anteil Bernstein und Woodward an der Aufklärung des Skandals hatten.

Ohne Hintergrundwissen ist es nicht immer leicht, der Story von Die Unbestechlichen zu folgen und das Ende könnte auf Zuschauer, die mit dem Watergate-Skandal nicht im Detail vertraut sind, unbefriedigend wirken. Doch wenn man sich darauf einlässt, dass hier nicht der Skandal selbst sondern die journalistische Arbeit der beiden Protagonisten im Vordergrund steht, wird man mit einem Film belohnt, der ohne Frage als einer der besten Polit-Thriller aller Zeiten bezeichnet werden kann.

Urheber des Fotos von Alan J. Pakula ist Towpilot. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).
Urheber des Fotos von Robert Redford ist Steve Jurvetson. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0).

Donnerstag, 1. August 2013

Filmkritik: Paulette (2012)

Schon die zweite Woche in Folge auf Platz 1 der deutschen Arthouse-Charts: Die französische Komödie Paulette erzählt von einer alten Dame, die beginnt, ihre Rente durch Drogenhandel aufzustocken.
Bernadette Lafont (2012)

Seit der Pleite ihres Restaurants und dem Tod ihres Ehemanns lebt Paulette (Bernadette Lafont) alleine mit einer niedrigen Rente in einer heruntergekommenen französischen Vorstadt. Die alte Frau ist nicht gerade eine Sympathieträgerin: Sie hat für die meisten Menschen aus ihrer Umgebung nur Verachtung übrig und ist so rassistisch, dass sie nicht einmal mit ihrem dunkelhäutigen Enkel etwas zu tun haben möchte. Eines Tages beschließt Paulette, mit Marihuana zu handeln und wird mit ihren Space Cookies schnell zur erfolgreichsten Dealerin des Viertels. Der beachtliche Nebenverdienst wird schnell in Luxusgegenstände und Kleidung investiert, führt jedoch auch zu einer Reihe von Konflikten. So sind die anderen Dealer des Viertels keineswegs erfreut über die neue Konkurrenz und Paulettes bei der Polizei arbeitender Schwiegersohn Ousmane (Jean-Baptiste Anoumon) droht, der alten Dame auf die Schliche zu kommen...

Das erste Drittel dieser französischen Komödie von Jérôme Enrico ist ausgesprochen unterhaltsam. Dies liegt vor allem an der politisch inkorrekten Protagonistin, die man eigentlich nicht mögen möchte, die einem aber vor allem wegen der tollen Hauptdarstellerin Bernadette Lafont schnell ans Herz wächst. Sprüche wie Paulettes Aussage gegenüber ihrem dunkelhäutigen Priester „Sie hätten es wirklich verdient, weiß zu sein“ schaffen die schwierige Gratwanderung, die ausländerfeindliche Einstellung der Protagonistin humorvoll darzustellen, ohne jemals selbst in rassistische Stereotype zu verfallen. Was den Beginn des Films auch von anderen Komödien der letzten Jahre abhebt, ist die sozialkritische Komponente der Ausgangssituation. Denn es wird sehr deutlich gemacht, dass der einzige Grund für Paulettes Einsteig ins Drogengeschäft eine viel zu niedrige Rente ist, die sie sogar dazu zwingt, in Mülltonnen nach Lebensmitteln zu wühlen.

Im Laufe der Handlung wird jedoch bald deutlich, dass das bereits durch ähnliche Filme wie etwa die britische Komödie Grasgeflüster (2000) bearbeitete Thema über ältere Frauen, die ins Drogengeschäft einsteigen, nur wenig Potenzial für einen wirklich interessanten Spielfilm beherbergt. So bewegt sich die Geschichte auf relativ vorhersehbaren Pfaden und auch die sozialkritischen Aspekte werden bald in den Hintergrund gedrängt. Besonders schade ist es, dass sich Enrico entschlossen hat, seine Protagonistin eine Entwicklung durchmachen zu lassen, die sie all jener Charaktereigenschaften beraubt, die sie zu Beginn des Films noch ausgezeichnet haben. Wenn aus der rassistischen und asozialen alten Frau eine liebende Großmutter wird, ist das sicherlich schön, aber leider auch eine ziemlich konservative und mutlose Entscheidung der Filmemacher. Dass das dramatische Finale des Films dann schließlich nicht die emotionale Tragweite erhält, die eigentlich angemessen wäre und zudem ziemlich unglaubwürdig inszeniert wird, ist zusätzlich ärgerlich.

Paulette ist eine vergnügliche französische Komödie die sich vor allem zu Beginn durch ihre politisch unkorrekte Protagonistin und eine sozialkritischen Botschaft von vergleichbaren Filmen abhebt. Im weiteren Verlauf verliert der Film jedoch schnell seinen Biss und steuert zwar weiterhin unterhaltsam aber auch relativ überraschungsarm seinem unambitioniert inszenierten Finale entgegen.


Urheber des Fotos von Bernadette Lafont ist der Wikipedia-Benutzer Frantogian. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Samstag, 20. Juli 2013

Filmkritik: Gangs of New York (2002)

Im Dezember bringt Martin Scorsese The Wolf of Wall Street in die Kinos, bei dem zum fünften Mal Leonardo DiCaprio die Hauptrolle in einem Film des berühmten Regisseurs übernehmen wird. Erstmals arbeiteten die beiden in dem Historienfilm Gangs of New York zusammen, den ich mir heute einmal näher angucken möchte.

Leonardo DiCaprio (2002)
New York, 1846. Das ärmliche Viertel Five Points wird von verfeindeten Gangs beherrscht, während die Polizei hier nur wenig Macht hat. Eines Tages kommt es auf dem zentralen Platz des Viertels zu einer Auseinandersetzung zwischen den fremdenfeindlichen Natives und den vor allem aus irischen Einwanderern zusammengesetzten Dead Rabbits. Am Ende der blutigen Schlacht wird der Anführer der Dead Rabbits, Priest Vallon (Liam Neeson), vom Anführer der Natives, William "The Butcher" Cutting (Daniel Day-Lewis) getötet, wodurch Cutting die Macht über das Viertel erlangt. Vallons Sohn Amsterdam wird infolge des Todes seines Vaters in eine Besserungsanstalt auf Blackwell's Island gebracht, wo er die nächsten 16 Jahre verbringt. Endlich wieder auf freiem Fuß, will Amsterdam (Leonardo DiCaprio) den Tod seines Vaters rächen. Doch anstatt ihn aus einem Hinterhalt zu töten, beschließt Amsterdam, zuerst das Vertrauen des Butchers zu gewinnen...

Bei der Oscar-Verleihung 2003 war Gangs of New York in zehn Kategorien nominiert, doch gewann schließlich keine einzige der begehrten Trophäen. Tatsächlich Martin Scorseses 18. Spielfilm kein Meisterwerk geworden. So wirkt die Inszenierung seltsam uneinheitlich: Während einige Szenen, wie die Schlacht zu Beginn des Films, durch Zeitlupenaufnahmen und eine moderne Musik stark stilisiert sind, wird sich für die meiste Zeit des Films dann doch für einen eher naturalistischen Stil entschieden. Auch die Geschichte wirkt stellenweise etwas unausgegoren. Während eigentlich der Konflikt zwischen Amsterdam und Cutting im Mittelpunkt stehen sollte, verliert sich der Film immer wieder in Nebenschauplätzen, die für die Geschichte eigentlich nicht besonders wichtig sind. Schließlich ist auch die Filmmusik von Howard Shore eher austauschbar und das im Abspann zu hörende Titellied von U2 sogar ausgesprochen unpassend.

Daniel Day-Lewis (2008)
Dennoch ist Gangs of New York alles andere als ein schlechter Film, denn trotz seiner Laufzeit von rund 160 Minuten wird der Historienepos zu keinem Zeitpunkt langweilig. Dies liegt unter anderem an den herausragenden Schauspielern. Vor allem Daniel Day-Lewis verkörpert den Butcher mit einer faszinierenden Mischung aus Aggressivität und Charisma, die ungeheuer fesselnd ist. So wird jede Szene, in der diese Figur auftaucht, automatisch zu einem eindrücklichen Erlebnis. Leonardo DiCaprio verblasst da im Vergleich fast ein wenig, legt aber dennoch eine überzeugende Leistung ab, vor allem wenn man bedenkt, dass er zu diesem Zeitpunkt noch vor allem als Schönling wahrgenommen wurde und nicht als ernstzunehmender Charakterdarsteller. Aber auch die vielen Nebenrollen sind perfekt besetzt. Cameron Diaz, John C. Reilly, Jim Broadbent, Gary Lewis und Brendan Gleeson schaffen es, ihre Figuren glaubwürdig und charismatisch zu verkörpern.

Wie es sich für einen Historienfilm gehört, ist auch die Optik ein deutlicher Pluspunkt. Das riesige in den Cinecittà-Studios in Rom errichtete Set, das Szenenbild und die Kostüme sind ausgesprochen gelungen und werden durch Kameramann Michael Ballhaus in wunderschönen Bildern eingefangen. Auch der für den Regisseur typische häufige Einsatz von langen Kamerafahrten ist hier hervorzuheben, der dem Film eine besondere Sogwirkung verleiht.

Insgesamt ist Gangs of New York daher zwar kein perfekter, aber dennoch ein sehr ansehnlicher und unterhaltsamer Historienfilm geworden. Wer sich für das Genre erwärmen kann und bei schönen Bildern und tollen Schauspielern auch mal über das eine oder andere Manko hinwegsehen kann, sollte hier auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Hinweis:
Wer sich den Film auf BluRay zulegen möchte, sollte auf jeden Fall zur Remastered Deluxe-Edition greifen, da diese ein deutlich besseres Bild besitzt als die ursprüngliche Veröffentlichung.


Urheber des Fotos von Leonardo DiCaprio ist Georges Biard. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).
Urheber des Fotos von Daniel Day-Lewis ist Siebbi. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported (CC BY 3.0).

Donnerstag, 18. Juli 2013

Kurzkritiken Juli 2013

Heute gibt es wieder einmal vier Kurzkritiken zu Filmen, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Dieses Mal ist es eine bunte Mischung geworden von Dokumentarfilm bis Wuxia.

Gandhi (1982)

Ben Kingsley (1983)
Der junge Anwalt Mohandas Gandhi reist nach Südafrika und erlebt dort am eigenen Leib die Folgen der Apartheid. Er beginnt, sich für die Rechte der Inder in dem Land einzusetzen und entwickelt dabei das Konzept des gewaltfreien Widerstandes. Als Gandhi nach Indien zurückreist, versucht er mit seiner Methode das noch von den Briten geführte Land in die Unabhängigkeit zu führen... 

Ben Kingsley spielt hier die Rolle seines Lebens, er verkörpert Gandhi mit so viel Charisma, das es eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Aber auch die anderen Darsteller sind grandios, während es Regisseur Richard Attenborough problemlos schafft, den Film bei drei Stunden Laufzeit zu keinem Punkt langweilig werden zu lassen. Spannend, berührend, faszinierend: Ein toller Film.


Im Bazar der Geschlechter (2010)

Interessante Dokumentation über das Phänomen der Zeitehe im Iran. Diese Form der Heirat kann auf einige Jahre oder sogar auf nur einige Stunden befristet werden. Auf der einen Seite eine Möglichkeit für junge Paare legal eine Beziehung zu führen, ohne "wirklich" heiraten zu müssen, auf der anderen aber ein Deckmantel für Prostitution und die sexuelle Ausnutzung von Frauen. Der Film verzichtet erfrischenderweise vollständig auf Off-Komentare, der Zuschauer muss sich also aus den gezeigten Interviews selbst ein Gesamtbild formen. Durch diesen Stil steht nicht nur das Thema im Mittelpunkt, sondern auch die interviewten Iranerinnen und Iraner, die alle unterschiedliche Erfahrungen mit der Zeitehe gemacht haben. Manchmal hätte ich mir dann aber doch noch ein paar allgemeine Informationen zur Gesetzeslage im Iran gewünscht, um das Gezeigte und Erzählte besser einordnen zu könne, doch insgesamt eine empfehlenswerte Dokumentation.


The Master (2012)

Philip Seymour Hoffman (2011)
Freddie Quell (Joaquin Phoenix) kehrt traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und versucht, wieder in der realen Welt Fuß zu fassen. Doch sein Alkoholismus und seine häufigen Gewaltausbrüche machen ein normales Leben für Freddie unmöglich. Da trifft er durch einen Zufall auf die Sekte The Cause unter dem charismatischen Führer Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman).und schließt sich ihr an...

Paul Thomas Anderson hat mit The Master keinen besonders zugänglichen Film abgeliefert. Denn der Plot steht hier keineswegs im Mittelpunkt, stattdessen liefert Anderson hier vor allem eine Charakterstudie ab über zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch in ein seltsames Abhängigkeitsverhältnis geraten. Ein Film mit vielen Leerstellen, die das Publikum selbst füllen muss und deshalb bestimmt nichts für jeden Geschmack. Aber alleine schon wegen seiner wunderschönen Bilder von Kameramann Mihai Mălaimare Jr.und den großartigen schauspielerischen Leistungen von allen Beteiligten ist The Master unbedingt sehenswert.

BluRay und DVD von The Master erscheinen am 26. Juli 2013.


Tiger & Dragon (2000)

Regisseur Ang Lee (2009)
China 1779. Schwertmeister Li Mu Bai (Chow Yun-Fat) hat beschlossen, nie wieder zu kämpfen. Als jedoch sein Schwert von einer talentierten jungen Diebin (Zhang Ziyi) gestohlen wird und Mu Bai ihr großes Talent erkennt, versucht er, ihr Lehrer zu werden, damit sie die nötige Disziplin erlernt, um ihre Fähigkeiten zu perfektionieren. Doch bald stellt sich heraus, dass das rebellische Mädchen mit der berüchtigten Jadefuchs (Cheng Pei-pei) zusammenarbeitet, die einst Mu Bais Meister ermordete...

Man sollte schon wissen, worauf man sich einlässt, wenn man diesen Film des amerikanisch-taiwanesischen Regisseurs Ang Lee in den Player legt. Denn Tiger & Dragon gehört zum Genre der Wuxia-Filme, weshalb die Hauptfiguren nicht nur ausgezeichnete Schwertkämpfer sind, sondern auch übernatürliche Fähigkeiten besitzen. Am auffälligsten ist hierbei das hohe Springen und Fliegen, das zu Beginn schon etwas gewöhnungsbedürftig ist, vor allem, da man an den Bewegungen der Schauspieler ziemlich deutlich merkt, dass diese an Kabeln hängen. Doch nach ein bisschen Eingewöhnung macht dieser Film sehr viel Spaß, was vor allem an den herausragend choreographierten Kampfszenen liegt. Doch auch die Protagonisten wachsen einem mit der Zeit deutlich ans Herz, wodurch das tragische Ende umso emotionaler wirken kann. Ein schöner Film, der Lust darauf macht, dieses Genre noch näher zu erkunden.

3Sat zeigt Tiger & Dragon am Sonntag, den 21. Juli 2013 um 20:15 Uhr.



Das Foto von Ben Kingsley stammt von Wikipedia-Nutzer Towpilot. Urheber des Fotos von Philip Seymour Hoffman ist Georges Biard. Beide stehen unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).
Das Foto von Ang Lee stammt von Nicolas Genin und steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0) .

Mittwoch, 17. Juli 2013

Werkschau: Die Filme von Stanley Kubrick (Teil 2)

Aufgrund meiner Master-Arbeit hatte ich in den letzten Monaten leider keine Zeit, mich um meinen Blog zu kümmern. Jetzt ist diese Hürde jedoch überwunden und daher gibt es heute endlich die zweite Hälfte der Werkschau zu den Filmen von Stanley Kubrick.

➡ Werkschau: Die Filme von Stanley Kubrick (Teil 1)

2001: Odyssee im Weltraum (1968)

Eine Gruppe von Vormenschen lebt in der Nähe eines Wasserloches. Sie ernähren sich rein vegetarisch und leben in Frieden, bis eines Tages einer von ihnen eine folgenreiche Entdeckung macht....
Ein paar Millionen Jahre später reist Dr. Heywood Floyd (William Sylvester) mit einem Raumschiff zum Mond. Nach offiziellen Berichten ist eine Mondkolonie unter Quarantäne gesetzt worden, nachdem dort eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist. Was wirklich auf dem Mond geschehen ist, unterliegt strengster Geheimhaltung...
Das Raumschiff Discovery macht sich einige Monate nach den Ereignissen auf dem Erdtrabanten auf eine geheimen Mission zum Jupiter. Die Astronauten David Bowman (Keir Dullea) und Frank Poole (Gary Lockwood) wissen nichts über den Grund ihrer Reise und sehen sich bald mit einer Fehlfunktion ihres Bordcomputers HAL 9000 konfrontiert...

2001: A Space Odyssey gilt als einer der besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten und ist gleichzeitig einer der ungewöhnlichsten. Ein großer Teil des Films kommt völlig ohne Dialoge aus, im Vordergrund steht vor allem ein symbolträchtiges Zusammenspiel von beeindruckenden Bildern und klassischer Musik. Es gibt nur wenig Handlung und doch unterliegt dem Film bis zum Schluss eine unvergleichliche Spannung, da Kubrick sich strikt weigert, das Geheimnis, das alle drei Geschichten verbindet, erschöpfend zu erklären. Die Frage, ob wir alleine im Weltall sind, wird deutlich verneint und dennoch gibt es in diesem Film keinen einzigen Außerirdischen zu sehen. Lediglich im letzten Viertel nehmen die Abstraktionen und die Symbolik ein wenig Überhand, aber insgesamt ist 2001 ein betörendes und ohne Frage Kubricks künstlerisch anspruchsvollstes Werk.


Uhrwerk Orange (1971)

Malcolm McDowell (2011)
London in einer nahen Zukunft. Der jugendliche Alex (Malcolm McDowell) und seine Droogs verbringen ihre Zeit mit Drogen und Gewalt. Sie prügeln sich mit verfeindeten Gangs, schlagen einen Obdachlosen zusammen und zwingen einen Schriftsteller bei der Vergewaltigung seiner Frau zuzuschauen. Eines Tages landet Alex jedoch durch den Verrat seiner Freunde wegen Mordes im Gefängnis und hört dort von einer neuartigen Therapie, die es ihm ermöglichen könnte, schon bald wieder ein ‚freier‘ Mensch zu sein...

Filme mit gewalttätigen Protagonisten müssen sich häufig den Vorwurf gefallen lassen, revisionistische Standpunkte zu vertreten, indem sie Gewalt als ein Mittel darstellen, das notwendig ist, um gegen das Böse zu siegen. A Clockwork Orange hingegen zeigt mit Alex einen Menschen, der selbst das Böse zu repräsentieren scheint: Seine Gewalt ist vollkommen zwecklos, sie dient lediglich seiner eigenen Belustigung in einer Zukunft, die durch Hoffnungslosigkeit und Tristesse geprägt ist. Es wird dem Zuschauer unmöglich gemacht, Alex' Handeln in irgendeiner Weise zu rechtfertigen und dennoch ist uns dieser Protagonist durch seine Intelligenz und seine Liebe zu Klassischer Musik seltsam sympathisch. Die fortlaufende Handlung vergrößert dieses Dilemma noch weiter: Denn so grausam Alex' Taten auch sind, erweisen sie sich bald als das geringere Übel zu einer Form der Konditionierung, die an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten ist.
Eine unbequeme Satire, die konsequent auf den moralischen Zeigefinger verzichtet und den Zuschauer zwingt, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Unterstützt durch großartige elektronische Musik, ein stilvolles Bühnenbild und die gewohnt beeindruckende Kameraarbeit gelingt Kubrick mit Uhrwerk Orange ein Meisterwerk der Filmgeschichte.


Barry Lyndon (1975)

Irland im 18. Jahrundert. Der Landadelige Redmond Barry (Ryan O'Neal) gewinnt ein Duell gegen einen britischen Offizier und muss flüchten, um den strafrechtlichen Konsequenzen zu entgehen. Es beginnt eine Reise durch Europa, bei der Barry im Siebenjährigen Krieg dient, als Spion für die Preußische Armee arbeitet, der gute Freund eines adeligen Falschspielers wird und schließlich die schöne und wohlhabende Lady Lyndon heiratet. Barry scheint es geschafft zu haben, doch wer hoch aufsteigt, der kann auch tief fallen...

Nach zwei Werken, die sich mit der Zukunft beschäftigten entschied sich Kubrick, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten und drehte so seinen ersten Historienfilm seit Spartacus. Barry Lyndon ist vor allem durch seine Bilder berühmt geworden. Denn nicht nur durch Musik, Kostüme und Schauplätze lässt Kubrick das 18. Jahrhundert wiederauferstehen, auch die Bildkompositionen werden dem Thema gerecht, da sie durch Gemälde aus dieser Epoche beeinflusst sind. So ist der Film insgesamt ein ästhetisch sehr reizvolles Filmerlebnis. Leider wird die erzählte Geschichte hierbei fast zur Nebensache. Wenn auch einige Szenen eine emotionale hohe Intensität hervorbringen können, wird insgesamt beinahe völlig auf das Aufbauen von Spannung verzichtet, was zusammen mit der dreistündigen Laufzeit die Geduld des Zuschauers doch ziemlich stark in Anspruch nimmt.


Shining (1980)

Der erfolglose Autor Jack Torrance (Jack Nicholson) bekommt eine Tätigkeit als Hausmeister in einem Hotel in den Bergen angeboten. Über die Wintermonate ist das Hotel geschlossen und seine Aufgabe ist es, lediglich darauf zu achten, dass die Heizungen nicht ausfallen. Jack nimmt an und zieht mit seiner Familie ins Overlook-Hotel. Doch die Einsamkeit an dem abgelegenen Ort ist nicht jedermanns Sache: Schon etwa zehn Jahre zuvor hatte ein Hausmeister in dem Hotel seine Familie mit einer Axt erschlagen...

Stanley Kubricks erster und einziger Ausflug in das Horror-Genre entfernt sich relativ weit von Stephen Kings Buchvorlage, kann aber dennoch überzeugen. Es ist beeindruckend, wie Kubrick es schafft, mit nur wenig Gewaltdarstellungen und dem Verzicht auf das für das Genre so typische Spiel mit der Dunkelheit konstant eine bedrohliche Atmosphäre zu halten. Die berühmten Steadicam-Fahrten durch die menschenleeren Flure des Hotels (das freischwebende Kamerasystem war erst einige Jahre zuvor von Garret Brown entwickelt worden) sind hierfür ebenso maßgeblich wie die schauderhafte elektronische Filmmmusik von Wendy Carlos, die bereits bei Uhrwerk Orange mit Kubrick zusammengearbeitet hatte. Aber auch aus den Schauspielern holte Kubrick alles heraus, was in ihnen steckte: Selten kann man eine so überzeugende Darstellung von hysterischer Panik auf dem Bildschirm betrachten, wie sie Shelley Duvall als Jacks Frau Wendy hier abliefert. Ein weiteres Meisterwek, dessen Bilder, wie die geisterhaften Zwillinge und die aus einem Fahrstuhl kommende Welle von Blut, in die Filmgeschichte eingegangen sind. Und schon wie in 2001 bleibt vieles in diesem Film unerklärt. Sowohl der Monolith als auch das Overlook-Hotel sind bewusste Leerstellen, die der Zuschauer mit seinen eigenen Interpretationen füllen muss.


Full Metal Jacket (1987)

Matthew Modine (2008)
'Private Joker' (Matthew Modine) hat sich entschieden, ein Marine zu werden und muss auf Parris Island die unmenschliche Ausbildung des Drill-Seargents Hartman (R. Lee Ermey) über sich ergehen lassen. Während Joker bald zum Gruppenführer ernannt wird, bricht der übergewichtige Private Pyle (Vincent D'Onofrio) unter der psychischen Belastung des Drills zusammen. Als Joker schließlich nach Vietnam geschickt wird, ist er hin- und hergerissen zwischen seiner kritischen Einstellung gegenüber dem Krieg und seiner Freude darüber, endlich kämpfen zu dürfen...

Nachdem Wege zum Ruhm ein deutlicher Anti-Kriegsfilm war, hatte Kubrick den Wunsch, einen weiteren Film über dieses Thema zu machen, der sich jedoch eines moralischen Urteils über die gezeigten Geschehnisse enthält und Ausbildung und Krieg so zeigt, wie sie tatsächlich sind. Im Mittelpunkt steht hierbei die innere Entwicklung des Protagonisten Joker, der zu einem Killer ausgebildet wurde, und dennoch versucht, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. Durch das hervorragende Set-Design, die intensiven Steadicam-Fahrten, tolle Schauspieler und den Verzicht auf den moralischen Zeigefinger gelingt Kubrick einer der besten Kriegsfilme aller Zeiten.


Eyes Wide Shut (1999)

Der erfolgreiche New Yorker Arzt Bill Harford (Tom Cruise) und seine Frau Alice (Nicole Kidman) haben einen Streit, bei dem Alice Bill eröffnet, in einem gemeinsamen Urlaub mit dem Gedanken gespielt zu haben, fremdzugehen. Bill ist erschüttert, wird dann aber zu einem Hausbesuch gerufen, da einer seiner langjährigen Patienten gestorben ist. Es folgt eine traumhafte nächtliche Odyssee durch New York, in der sich Bill viele Möglichkeiten zu bieten scheinen, seinerseits seine erotischen Phantasien auszuleben...

Passiert das alles wirklich, was Kubrick uns in diesem Film zeigt, oder entspringen Bills nächtliche Erlebnisse lediglich seiner Fantasie? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht und für den Genuss des Films ist sie auch nicht besonders wichtig. Die Verfilmung der Traumnovelle von Arthur Schnitzler hält sich trotz der Verlegung der Handlung vom Wien des beginnenden zum New York des ausgehenden 20. Jahrhunderts relativ nah an ihre Vorlage. Dies führt vielleicht auch dazu, dass der Film ein wenig altmodisch daherkommt und deshalb von vielen Kritikern als eines von Kubricks weniger gelungenen Werken gesehen wird. Dennoch ist Eyes Wide Shut ein interessanter, spannender und auch stellenweise recht humorvoller Film über die sexuellen Obsessionen seiner Protagonisten und ein würdiger Abschluss für das Lebenswerk Kubricks, der kurz nach der Fertigstellung der finalen Schnittfassung im Alter von 70 Jahren verstarb.


Die Filme von Stanley Kubrick wurden zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht immer wohlwollend von Presse und Publikum aufgenommen. Rückblickend lässt sich jedoch erkennen, dass es sich bei Kubrick um einen der wichtigsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts handelt. Kaum ein anderer Regisseur hat mit so vielen unterschiedlichen Genres gearbeitet und dabei Werke geschaffen, die sich immer deutlich von der Masse abhoben, ohne je unzugänglich zu werden. Und auch wenn mir nicht jeder Film von Stanley Kubrick gleich gut gefallen hat, sind sie doch alle äußerst sehenswert und sollten von keinem Filmfan links liegen gelassen werden.

Literaturtipp:
Georg Seeßlen / Fernand Jung: Stanley Kubrick und seine Filme, Schüren-Verlag 2008

Urheber des Bildes von Malcolm McDowell ist Georges Biard. Urheber des Bildes von Metthew Modine ist David Shankbone. Beide Fotos stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).