Dienstag, 17. Januar 2017

Filmkritik: Brügge sehen … und sterben? (2008)

Teurer Anzug, emotionslose Miene, Maschinengewehr im Anschlag – Schon seit Scarface (1932) legen Gangster im Kino eine Coolness an den Tag, die vermutlich nur wenig mit dem tatsächlichen Alltag im kriminellen Milieu zu tun hat. Dass es auch anders geht, beweist Martin McDonagh mit seiner melancholischen Gangsterkomödie Brügge sehen … und sterben?, die heute vor neun Jahren auf dem Sundance Film Festival ihre Weltpremiere feierte.

Brendan Gleeson at
the Moet BIFA 2014
Foto: Ibsan73
Lizenz: CC BY 2.0
Nach einem Attentat werden die beiden britischen Auftragskiller Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) von ihrem Boss Harry nach Belgien in das winterliche Brügge geschickt, wo diese weitere Instruktionen abwarten sollen. Die ungleichen Partner gehen davon aus, dass sie in der verschlafenen Stadt nur abwarten sollen, bis sich die Wogen geglättet haben und sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Während Ken die Zeit nutzen will und begeistert die mittelalterliche Innenstadt erkundet, langweilt sich Ray schrecklich und wird außerdem immer stärker von Schuldgefühlen geplagt: Denn bei dem von ihm durchgeführten Auftragsmord an einem Priester ist versehentlich ein kleiner Junge zu Tode gekommen. Als endlich das Telefon klingelt, stellt sich heraus, dass genau dies auch der Grund ist, warum sich die beiden Killer an dem belgischen Urlaubsort befinden …

Der Gangsterfilm, der erstmals Ende der 20er Jahre seinen Weg auf die Leinwände fand, erzählt meist von Aufstieg und Fall eines kriminellen Helden im Großstadtdschungel, dessen gewalttätiger Alltag dem Publikum in einer spannenden Geschichte mit expliziten Bildern präsentiert wird. Ein Genre, das die Zuschauer schockiert und gleichzeitig ihre (meist) unbewussten Wünsche nach einem Leben ohne Regeln und Tabus anspricht. Doch natürlich gibt es auch Filmemacher, die eine Geschichte über Berufsverbrecher erzählen möchten, ohne sich an diese Konventionen zu halten. Bei Martin McDonaghs Langfilm-Debüt Brügge sehen … und sterben? (Originaltitel: In Bruges) ist dies in doppelter Hinsicht der Fall: Dieser Film ist nicht nur ein Gangsterfilm, der sich nicht an die Regeln des Gangsterfilms halten will, sondern auch eine Komödie, die für dieses Genre eigentlich viel zu melancholisch geraten ist.

Martin McDonagh (2012)
Foto: Tabercil
Lizenz: CC BY-SA 2.0
Von der aufregenden Welt des Verbrecherlebens gibt es in Brügge sehen … und sterben? auf jeden Fall nicht viel zu sehen. Denn die belgische Stadt ist kein besonders heißes Pflaster und Ray und Ken sind  im Endeffekt nur zwei ganz normale Leute. Dass der Film in seiner eigentlich recht ereignislosen ersten Hälfte trotzdem nie langweilig wird, liegt vor allem an der hervorragenden Chemie zwischen seinen beiden Hauptdarstellern und den vielen sehr komischen Dialogen die McDonagh ihnen in den Mund legt. Außerdem trägt Rays labile Psyche zur Spannung bei, da dieser immer stärker unter seiner Schuld leidet und sich schließlich sogar das Leben nehmen will. Es ist erstaunlich, wie es der Film schafft, hierbei die Tragikomik in so perfekter Balance zu halten, dass die witzigen Szenen witzig bleiben und die dramatischen Momente trotzdem nichts an ihrer Wirkung verlieren.

Aufgelockert wird die Handlung außerdem von einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte: An einem Filmset lernt Ray die Drogendealerin Chloë (Clémence Poésy) kennen und ist von der jungen Frau sofort beeindruckt. Obwohl das erste gemeinsame Abendessen in einem Fiasko endet, treffen die beiden sich bald wieder und finden immer mehr Gefallen aneinander. Auch wenn dieser Subplot einige sehr witzige Szenen zu bieten hat und McDonagh versucht, ihn an mehreren Punkten mit der hauptsächlichen Handlung zu verbinden, wirkt er insgesamt doch ein wenig wie ein überflüssiges Anhängsel und ist damit der einzige Aspekt, der mich an diesem Film nicht völlig überzeugen konnte.

Doch die positiven Seiten überwiegen hier bei weitem. Besonders die Performance von Brendan Gleeson soll an dieser Stelle nochmals hervorgehoben werden. Wendepunkt des Films ist Kens folgenschweres Telefonat mit Harry, das von McDonagh in einer sechsminütigen Plansequenz gedreht wurde. Während der ganzen ungeschnittenen Szene agiert Gleeson alleine vor der Kamera und durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Der gebürtige Ire ist dabei so überzeugend, dass dieser Moment als Anschauungsmaterial an Schauspielschulen eingesetzt werden könnte.

Die melancholische Stimmung in Brügge sehen … und sterben? wird auch von Carter Burwells Filmmusik unterstützt, die an Schuberts Winterreise angelehnt ist und mit wunderschönen Klavierklängen die Bilder von Brügge untermalt. Gegen Ende des Films wird das Klavier jedoch nach und nach durch eine verzerrte E-Gitarre ersetzt, denn als wäre eine Gangster-Tragikomödien-Romanze nicht schon Genre-Mix genug gewesen, kommt schließlich doch noch ein Thriller-Element in die Handlung. Was dieses ist, soll hier nicht näher erläutert werden, da es beim ersten Ansehen des Films doch recht überraschend sein kann (zumindest, wenn man es geschafft hat, Trailern und Inhaltsangaben bis zu diesem Zeitpunkt aus dem Weg zu gehen). Endlich werden die Schusswaffen rausgeholt und ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Doch auch im großen Finale bleibt McDonagh seinem eingeschlagenen Weg treu: Spannend, witzig und melancholisch und alles andere als ein typischer Gangsterfilm.

Brügge sehen … und sterben? ist ein unkonventioneller Genre-Mix mit zwei hervorragenden Hauptdarstellern, der es auf unvergleichliche Weise schafft, Humor, Tragik und Spannung zu einem überzeugenden Ganzen zu vereinen. Kein typischer Gangsterfilm und gerade deswegen vielleicht einer der besten Gangsterfilme aller Zeiten.



Was andere schreiben

Thomas Mayer bezeichnet den Film auf Handle Me Down als „ein umwerfendes Independent-Kleinod“, weist aber darauf hin, dass „der grandiose Dialogwitz im akzentreichen englischen Original weit trefflicher zur Geltung kommt“ als in der deutschen Fassung.
Auch Stefan Rybkowski von Equilibrium ist von der Mischung aus Humor und Tragik begeistert. Außerdem hebt er den Drehort Brügge hervor: „Es ist fast schon gefährlich, wie mich die wunderschönen Aufnahmen dieser wunderschönen Stadt begeistert haben, sodass es fast schon an ein Wunder grenzt, dass ich nicht sofort einen Flug dorthin gebucht habe“.
Lucien Stapel von Mojoba fühlte sich offenbar an den Tod in Venedig erinnert, denn er schreibt: „Thomas Mann hätte bestimmt seine Freude an diesem Film gehabt, denn der Tod strahlt hier unsichtbar durch jeden Backstein und durch jedes seltsam entrückte Wort“. Auch sein Fazit fällt positiv aus: „Dieses Stück Satire verlässt einen nicht so schnell wieder.“

Wie man ihn sehen kann

Brügge sehen … und sterben? ist im Verleih von Universal Film auf DVD und Blu-Ray-Disc erhältlich. Außerdem kann der Film in den Flatrates von Amazon Instand Video und Netflix gestreamt werden. Digital mieten oder kaufen kann man ihn bei Amazon, iTunes, Sony, Videobuster und Videoload. (Stand: 9. Januar 2017)

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Filmkritik: Alles steht Kopf (2015)

1995 brachten die Pixar Animation Studios mit Toy Story den ersten vollständig computeranimierten Langfilm in die Kinos. Inzwischen haben zahlreiche andere Produktionsfirmen nachgezogen und mit Pixeln und Polygonen die handgezeichneten Trickfilme fast vollständig von den Leinwänden verdrängt. Pixar hat also inzwischen viel Konkurrenz bekommen, doch kaum ein anderes Animationsstudio schafft es so gut, seinen Filmen nicht nur Humor und Spannung, sondern auch eine gehörige Portion Gefühl zu verleihen. Das perfekte Beispiel hierfür ist Alles steht Kopf, in dem die Gefühle eines 11-jährigen Mädchens diesmal sogar die Hauptrolle spielen. 

In der Kommandozentrale in Rileys Kopf gibt es alle Hände voll zu tun: An einem großen Schaltpult haben die fünf Emotionen Freude, Wut, Ekel, Angst und Kummer die Fäden in der Hand und steuern die Reaktionen des Mädchens auf alles, was es in seinem Alltag erlebt. Federführend ist hierbei eigentlich stets die Freude, doch als Riley mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco umzieht, beginnt Kummer immer mehr an Einfluss zu gewinnen. Das passt Freude natürlich überhaupt nicht und sie bemüht sich, ihre stets traurige Kollegin auf freundliche aber bestimmte Art und Weise davon zu überzeugen, dass sie am hilfreichsten ist, wenn sie möglichst nichts tut. Als Riley sich jedoch in ihrer neuen Klasse vorstellt und aus Heimweh in Tränen ausbricht, eskaliert der Konflikt zwischen ihren Emotionen und Freude und Kummer werden in das Langzeitgedächtnis geschleudert. Das Mädchen, von nun an ausschließlich von Wut, Angst und Ekel erfüllt, entscheidet bald darauf, von zu Hause wegzulaufen. Freude und Kummer müssen nun lernen zusammenzuarbeiten, um in die Kommandozentrale zurückzufinden und die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen …

Alles steht Kopf (Originaltitel: Inside Out) ist ein Familienfilm im doppelten Wortsinn. Zum einen ist er für jedes Alter geeignet: Die Kleinsten können die bunten Bilder und die spannende Geschichte genießen, während Schulkinder Spaß daran haben werden, sich vorzustellen, was in ihrem eigenen Kopf für Gefühle und Erinnerungen zu finden sind. Eltern hingegen können viele Wahrheiten über Ehe und Kindererziehung entdecken und werden an der einen oder anderen rührenden Stelle auch die Taschentücher rausholen müssen. Vor allem ist Alles steht Kopf aber auch ein Film über die Familie. Obwohl ein Großteil der Handlung in Rileys Gehirn stattfindet, liegt das Herz dieser Geschichte in der Beziehung zwischen dem Mädchen und seinen Eltern. Dies wird gleich zu Beginn des Films deutlich, als die junge Familie kurz nach Rileys Geburt das erste Mal zusammen ist und das Neugeborene diesen Moment als erste positive Kernerinnerung im Langzeitgedächtnis abspeichert.

Pete Docter (2009)
Foto: nicolas genin
Lizenz: CC BY-SA 2.0
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Es ist erstaunlich, wie es Regisseur Pete Docter und seinem Team gelingt, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gleichzeitig realistisch und anschaulich umzusetzen. Ob Langzeitgedächtnis, Unterbewusstsein, Träume oder Ohrwürmer: Zahlreiche Aspekte der Psyche werden von Freude und Kummer erkundet und so auch für das Publikum verständlich gemacht. Der eigentliche Plot, der auf dieser Ebene des Films erzählt wird (ein ungleiches Paar muss versuchen, aus einer fremden Umgebung wieder nach Hause zu finden) ist dabei aber so universell, dass die jüngsten Zuschauer auch problemlos ignorieren können, dass alles, was sie sehen, eine Entsprechung in ihrem eigenen Kopf haben soll. Nur sehr selten wird der hohe Anspruch der Filmemacher, möglichst viele Aspekte des Themas abzudecken, zum Problem: So ist ein kurzer Ausflug in das abstrakte Denken, bei dem die Protagonisten immer abstrakter werden, bis sie nur noch zweidimensionale Flächen sind, für Kinder vermutlich nicht nachzuvollziehen. Ein anderer kleiner Kritikpunkt ist ein leichter Hang zu Stereotypen. Das deutlichste Beispiel hierfür ist eine Szene am heimischen Esstisch, die bereits im Trailer ausführlich gezeigt wurde: Während Rileys Mutter empathisch versucht, ihre Tochter über ihren ersten Schultag zu befragen, denkt der Vater nur über Fußball nach und reagiert entsprechend unangemessen auf die Situation.

Michael Pan (2007)
Foto: Helen Krüger
Lizenz: CC BY 3.0
Doch diese Kleinigkeiten können die Begeisterung, die einen beim Anschauen dieses Meisterwerkes erfüllt, kaum bremsen. Denn für jede nicht so gelungene Idee folgen gleich wieder fünf weitere grandiose Einfälle der Filmemacher. So zum Beispiel der unsichtbare Freund Bing Bong (für die deutsche Fassung sehr passend mit Synchron-Urgestein Michael Pan besetzt), der in den Tiefen von Rileys Langzeitgedächtnis herumspaziert und schon länger nichts mehr zu tun hat. Die Figur ist in ihrer Schrulligkeit für viele Lacher gut, hat aber gleichzeitig einen traurigen Kern: Denn zumindest für das erwachsene Publikum ist gleich klar, dass die pinke Mischung aus einem Elefanten und einem Delfin spätestens in der Pubertät völlig aus dem Gedächtnis verschwinden wird. Diese Mischung aus Freude und Melancholie ist exemplarisch für die Stimmung des gesamten Films und auch die letztendliche Message schlägt in dieselbe Kerbe: Traurigkeit ist ein genauso wichtiger Teil des Lebens wie Freude, sie gehört einfach dazu. Und wenn man traurig ist, ist es schön, jemanden zu haben, der einen tröstet und mit dem man über alles reden kann.

Alles steht Kopf ist unbestreitbar einer der besten Animationsfilme der letzten Jahre. Das Konzept ist genial und perfekt umgesetzt und verleiht dem Film eine für das Genre ungewöhnliche Tiefe. So kann er Kinder zum Nachdenken über ihre eigenen Emotionen anregen und wird sicherlich in vielen Familien zu interessanten Gesprächen führen. Gleichzeitig ist er aber auch einfach ungemein unterhaltsam: Lustig, spannend, rührend und mit vielen Wahrheiten über das Familienleben gespickt – Eine klare Empfehlung für alle Altersklassen!


Was andere schreiben

Der Kinogänger“ Ralf A. Linder kann den Hype um Alles steht Kopf nicht ganz nachvollziehen, da ihm die Botschaft zu banal und weite Teile des Films zu konventionell sind. Als positive Ausnahme nennt er den Ausflug ins abstrakte Denken, der in seiner Kreativität genial sei und „andeutet, was möglich gewesen wäre.“
Stefan Rackow von Mannbeisstfilm hat den „kreativ-originellsten Animationsfilm der vergangenen Zeit“ gesehen und hebt besonders positiv hervor, dass trotz aller abgefahrenen Ideen nie der Bezug zur Realität verloren gehe.
Jörg Benne schreibt auf Captain Fantastic, dass der Film „die ganze Klaviatur der Emotionen ausnutzt“ und lobt neben dem optischen Einfallsreichtum auch die Arbeit der deutschen Synchronsprecher.

Wie man ihn sehen kann

Alles steht Kopf wurde am 11. Februar 2016 von Walt Disney Studios Home Entertainment auf DVD, Blu-Ray und Blu-Ray 3D veröffentlicht. In digitaler Form kann der Film bei Amazon Instand Video, CHILI, Google Play, iTunes, JUKE, Maxdome, Sony, Videoload und Wuaki erworben werden. (Stand: 27. Dezember 2016)

Freitag, 11. November 2016

Filmkritik: Westfront 1918 (1930)

Als ich im August meine Filmkritik zu Im Westen nichts Neues (1930) veröffentlichte, machte mich Niels von der Flensburger Gesellschaft für Phantastik auf Westfront 1918 aufmerksam, einen Antikriegsfilm von Georg Wilhelm Pabst, der im selben Jahr erschienen ist und seiner Meinung nach deutlich besser sei. Ob das wirklich stimmt, lässt sich jedoch gar nicht so leicht beantworten.

Zwei Filme über den Ersten Weltkrieg, beide pazifistischer Natur, beide 1930 erschienen, der erste in Deutschland, der zweite in den USA produziert. Der Vergleich zwischen dem heute eher unbekannten Westfront 1918 von G. W. Pabst und Lewis Milestones mit dem Oscar ausgezeichneten Im Westen nichts Neues bietet sich an. Doch die Regisseure wählen sehr unterschiedliche Wege, ihre Geschichten zu erzählen und beide Filme haben ihre Stärken und Schwächen. Welchen man nun als den besseren betrachten möchte, hängt vor allem davon ab, wie man diese gewichtet.

Einer der Faktoren, in denen sich beide Filme deutlich unterscheiden, ist die Inszenierung, vor allem in Hinsicht auf Kamera und Schnitt. Als Beispiel kann hier die jeweils erste Szene dienen: Während Milestone mit einer eindrucksvollen Kamerafahrt beginnt, zeigt Pabst eine vergleichsweise unspektakuläre Sequenz, in der sich eine Handvoll deutscher Soldaten in einem französischen Wohnhaus hinter der Front die Zeit vertreibt. Pabsts Einstieg mit seinen statischen, herkömmlich geschnittenen Kameraeinstellungen ist nicht nur technisch weniger beeindruckend, sondern hat auch ein deutlich geringeres emotionales Gewicht als der kriegsverherrlichende Monolog des Lehrers im amerikanischen Film. Zumindest auf der technischen Seite täuscht dieser erste Eindruck keineswegs: Der moderne, oft mitreißende Inszenierungsstil von Im Westen nichts Neues, mit seiner hohen Tiefenschärfe und mobilen Kamera, ist in Westfront 1918 nirgends zu finden. Insgesamt neigt Pabst zu einer eher nüchterneren und distanzierteren Inszenierung, was seinen Film zum deutlich weniger zugänglichen Werk macht.

Abb. 1
Abb. 1 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Besonders fällt diese Distanziertheit in den Kampfszenen auf. Während die Zuschauer sich bei Milestone mitten im Gefecht befinden, einmal sogar die subjektive Perspektive eines MG-Schützen einnehmen, zeigt Pabst die Kampfhandlungen oft in Panorama-Einstellungen und in solch einer dokumentarisch-distanzierten Art, dass es für das Publikum manchmal schwer ist, dem Geschehen zu folgen (Abb. 1). Nach einem Schnitt ist es zudem häufig nicht ganz deutlich, in wie fern sich die Kameraperspektive und -position geändert haben, was die räumliche Orientierung sehr erschwert. Aus diesem Grund ist es gelegentlich nur durch Beachtung der Helmform auszumachen, ob gerade deutsche oder französische Soldaten zu sehen sind. Wo sich in dem Chaos die Hauptfiguren befinden, ist teilweise völlig unklar. Dies kann jedoch durchaus auch Absicht sein. Denn so wirkt der Krieg nicht wie eine Bewährungsprobe, welche die Protagonisten stellvertretend für das Publikum durchleben, sondern wie ein chaotisches und sinnloses Gemetzel, in dem eine anonyme Masse von Soldaten ihren Tod findet.

Fritz Kampers
Fritz Kampers (1947)
Die Unterschiede im Drehbuch sind ähnlich deutlich. Im Westen nichts Neues erzählt die Geschichte seines Protagonisten in einer Art Heldenreise: Das Publikum bricht gemeinsam mit dem jungen Soldaten Paul Bäumer aus seiner Heimatstadt auf und erlebt mit, wie er einige Bewährungsproben bestehen muss, bis die Geschichte schließlich ihr tragisches Ende findet. Der Roman Vier von der Infanterie von Ernst Johannsen, den Pabst mit Westfront 1918 verfilmte, hat hingegen vier verschiedene Hautpfiguren. Die daraus resultierenden häufigen Perspektivwechsel vermindern anfangs zusätzlich die Zugänglichkeit des Films. Im weiteren Verlauf der Handlung legt sich diese Fragmentiertheit zum Glück etwas. Dies liegt daran, dass Drehbuchautor Ladislaus Vajda sich zunehmend auf die Erlebnisse von Karl (Gustav Diessl) und dem Studenten (Hans-Joachim Moebis) konzentriert, während der Bayer (Fritz Kampers) und der Leutnant (Claus Clausen) in der Filmfassung der Geschichte zwar immer wieder auftauchen, jedoch insgesamt nur Nebenfiguren sind.

Würde man die Qualität eines Films lediglich an Maßstäben wie Zugänglichkeit für das Publikum, Spannung der Erzählung und visuelle Schauwerte messen, wäre Westfront 1918 also das deutlich weniger gelungene Werk. Doch auf einer anderen – und vielleicht wichtigeren – Ebene hat Pabsts Film klar die Nase vorne: Die emotionale Wirkung der Geschichte und die Vermittlung der pazifistischen Botschaft. Dass Im Westen nichts Neues bei seiner Veröffentlichung in Deutschland große Diskussionen auslöste und schließlich verboten wurde, während die Kritik an Westfront 1918 gemäßigter ausfiel, liegt auf der einen Seite sicherlich daran, dass es sich nicht um einen amerikanischen Film handelt, sondern er von Menschen produziert wurde, die den Weltkrieg tatsächlich von deutscher Seite aus miterlebt hatten. Andererseits fällt die pazifistische Botschaft bei Pabst auch deutlich subtiler aus: Während Milestone zahlreiche belehrende Mono- und Dialoge einsetzt, welche die Sinnlosigkeit des Krieges für das Publikum ausformulieren, lassen sich ähnliche Drehbuchzeilen in Westfront 1918 an einer Hand abzählen. Der deutsche Regisseur setzt stattdessen auf die Wirksamkeit der Geschichte selbst und der Bilder, mit denen er diese erzählt.

Die unterschiedliche Art und Weise, wie beide Regisseure ihre Botschaft unters Volk bringen möchten, lässt sich wieder am besten an einem Beispiel illustrieren: Beide Filme zeigen einen Heimaturlaub und machen deutich, wie entfremdet die Soldaten vom zivilen Leben in Deutschland mittlerweile sind. Milestone nutzt diese Sequenz für eine Kritik an den Daheimgebliebenen, die den schon so gut wie verlorenen Krieg weiterhin befürworten oder aus der Gemütlichkeit einer Kneipe heraus argumentieren, was die Soldaten an der Front besser machen müssten. Pabst verfolgt andere Ziele: In Westfront 1918 erwischt Karl seine Ehefrau (Hanna Hoessrich) im Bett mit einem Liebhaber. In den folgenden wenigen Tagen, die der Soldat mit seiner von Nahrungsmittelknappheit geplagten Familie verbringt, fleht Karls Frau ihn an, ihr zu verzeihen oder wenigstens überhaupt mit ihr zu sprechen. Doch Karl bleibt kalt und distanziert und verlässt seine Heimat schließlich, ohne sich mit ihr ausgesöhnt zu haben. Die Trostlosigkeit dieser Szenen und Karls fehlende Fähigkeit, seine Gefühle auszudrücken (oder überhaupt etwas zu fühlen) haben dabei eine deutlich stärkere emotionale Wirkung als die eher an den Intellekt appellierenden Szenen in Im Westen nichts Neues.

Abb. 2
Abb. 2 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Wie in meiner Kritik zu Im Westen nichts Neues geschrieben, bewirkt Milestone mit der Entscheidung, seine Figuren gebetsmühlenartig pazifistische Botschaften verkünden zu lassen, genau das Gegenteil von dem, was er intendiert: Es ist für das Publikum offensichtlich, dass es beeinflusst werden soll, wodurch eine gewisse Abwehrhaltung entsteht. Pabst ist hier viel subtiler und deshalb im Endeffekt wirkungsvoller: Je aussichtsloser der Kampf der deutschen Soldaten im letzten Drittel des Films wird, desto mehr tote Soldaten sind auf dem Schlachtfeld zu sehen. Bald werden die langen, statischen Panorama-Aufnahmen von Leichenbergen deutscher Soldaten dominiert (Abb. 2). Die Bilder sprechen für sich, niemand muss einem hier erklären, was am Krieg so grauenhaft ist. Und vielleicht ist Pabst deshalb im Endeffekt auch der bessere Regisseur. Weil er nicht die spektakuläreren Bilder abliefert, aber die wirksameren. Und darauf vertraut, dass die Wirksamkeit der Bilder ausreicht, um das Publikum zu überzeugen.

Auf den ersten Blick ist Westfront 1918 kein besonders gelungener Film. Die Inszenierung ist recht dröge, die Kampfszenen sind oft unübersichtlich und es ist lange unklar, wer hier eigentlich die Hauptfiguren sein sollen. Doch die Geduld der Zuschauer zahlt sich aus. Denn im weiteren Verlauf gelingt es G. W. Pabst eine immer bedrückendere Atmosphäre zu erzeugen und durch die schrecklichen Bilder des Massensterbens in den Schützengräben seine pazifistische Botschaft auf gleichzeitig subtile wie auch eindrucksvolle Weise an das Publikum zu vermitteln.

Urheber des Fotos von Fritz Kampers ist die Deutsche Fotothek, es wurde von mir beschnitten. Das Original und die Bearbeitung stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-SA 3.0 DE) .