Donnerstag, 15. September 2016

Filmkritik: Pets (2016)

Was machen Haustiere, wenn ihre Herrchen und Frauchen nicht zu Hause sind? Diese Frage beantwortet der neuste Film aus dem Hause Illumination Entertainment und ist schon jetzt eine der erfolgreichsten Produktionen des Jahres. Ist hier ein neuer Klassiker des Animationsfilms entstanden oder handelt es sich vielmehr um eine unterhaltsame Eintagsfliege?

Max ist ein glücklicher Hund. Der Jack Russel Terrier lebt mit seiner Besitzerin Katie in New York und kann sich kein besseres Leben vorstellen als das an der Seite seines Frauchens. Doch als Katie plötzlich mit einem zweiten Hund, dem Mischling Duke, nach Hause kommt, wird Max eifersüchtig und versucht, den Neuankömmling loszuwerden. Der Konflikt zwischen den Haustieren eskaliert und bringt die beiden Hunde weit weg von zu Hause. Um wieder zurückzufinden bleibt den Streithähnen nichts anderes übrig, als von nun an zusammenzuarbeiten …

Die Idee hinter Pets ist keineswegs neu. So erzählte der erste abendfüllende Computeranimationsfilm Toy Story (1995) bereits vor 20 Jahren eine sehr ähnliche Geschichte, in der nicht Haustiere, sondern Spielzeuge in Abwesenheit ihrer Besitzer Abenteuer erleben. Auch im Pixar-Klassiker muss die Hauptfigur lernen, in einer Gefahrensituation die Eifersucht auf einen Neuankömmling zu überwinden, damit beide wieder nach Hause kommen können. Toy Story bleibt dabei der Grundidee bis zuletzt treu: Der Bösewicht der Geschichte ist ein Nachbarsjunge, der seine Spielsachen kaputt macht und an Feuerwerkskörper bindet, ein Schicksal, das viele Spielzeuge in unserer Wirklichkeit mit den Charakteren des Animationsfilms teilen.

Co-Regisseur Chris Renaud
Auch im ersten Viertel von Pets überspitzen die Regisseure Chris Renaud und Yarrow Cheney noch viele Wahrheiten über das Verhalten von Haustieren und vor allem die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hunden und Katzen werden sehr treffend charakterisiert. Im weiteren Verlauf wandelt sich die Geschichte jedoch zu einem recht austauschbaren Action-Abenteuer mit einem bösartigen Schneehasen als Antagonisten, der von seinen Besitzern ausgesetzt wurde und nun davon träumt, die Menschheit zu versklaven. Spätestens, wenn die Tiere sich hinter das Steuer eines Busses klemmen, um sich eine Verfolgungsjagd auf der Brooklyn Bridge zu liefern, hat der Film nicht mehr viel mit dem Leben wirklicher Haustiere zu tun. Dass Pets trotzdem funktioniert, liegt vor allem an seiner Rasanz. Eine Action-Szene jagt die nächste und ein wahres Feuerwerk an Slapstick-Gags und One-Linern wird abgebrannt, sodass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt. Auch die beeindruckenden Animationen und die gut ausgewählten Synchronsprecher (sowohl in der originalen, als auch in der deutschen Fassung) sorgen für ein insgesamt unterhaltsames Filmerlebnis.

Andererseits hat der Film jedoch weder die emotionale Tiefe noch den Einfallsreichtum zu bieten, die man beispielsweise bei den besten Pixar-Filmen geboten bekommt. Eltern, denen es wichtig ist, dass ein Kinderfilm nicht nur unterhält, sondern auch einen Beitrag zur emotionalen Entwicklung von Kindern leistet (wie Kritiker es zum Beispiel dem Oscar-Gewinner Alles steht Kopf [2015] attestierten), sind hier also buchstäblich im falschen Film. Aus pädagogischer Sicht positiv zu bewerten ist jedoch, dass in Pets auch die scheinbaren Bösewichte im Laufe der Geschichte ihre guten Seiten zeigen und Kinder so lernen können, dass der erste Eindruck, den man von anderen Menschen hat, oft täuscht.

Trotz einer FSK-Freigabe ohne Altersbeschränkung könnte der Film aufgrund seiner rasanten Erzählweise für jüngere Kinder überfordernd sein und ist daher meiner Ansicht nach eher ab einem Alter von 8 Jahren geeignet. Wegen seiner recht hohen Schnittfrequenz sollte außerdem die 2D-Fassung vorgezogen werden.

Insgesamt liefert Pets unterhaltsames Popcornkino, um einen verregneten Samstag zu verbringen, aber ist weder einfallsreich noch emotional involvierend genug, um in den Olymp der besten Animationsfilme aller Zeiten aufsteigen zu können.

Urheber des Fotos von Chris Renaud ist Boungawa. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Dienstag, 30. August 2016

Die zehn besten Filme des 21. Jahrhunderts

Die BBC hat letzte Woche die 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts gekürt und − wie sollte es anders sein − das ganze Internet diskutiert darüber, wie falsch die befragten Journalisten und Filmkritiker mit ihrer Auswahl liegen. Getreu dem Motto „Nicht nur meckern, sondern selber machen“ möchte ich heute meine eigene Top 10 der letzten 16 Jahre präsentieren.

Filmfans lieben Bestenlisten. Sei es die Top 250 der Internet Movie Database oder die vom britischen Sight & Sound Magazine durchgeführten Umfragen zu den besten Filmen aller Zeiten, es besteht offenbar ein unstillbares Verlangen nach einem Film-Kanon, um sich in den eigenen Lieblingsfilmen bestätigt zu sehen oder aber Anregungen für den nächsten Heimkinoabend zu finden.

Häufig sind Listen dieser Art vor allem mit den großen Klassikern von Citizen Cane über Vertigo bis zu Goodfellas bestückt und Veröffentlichungen der letzten Jahre sind nur wenige zu finden. Dies nahm die BBC nun zum Anlass, einmal ein Ranking der besten Filme des 21. Jahrhunderts zusammenzustellen. Für mich stellte sich natürlich gleich die spannende Frage, wie sehr diese Liste sich mit meinem eigenen Filmgeschmack überschneidet. Deshalb möchte ich heute einmal meine persönlichen Lieblingsfilme dieser Periode vorstellen und sehen, ob sich diese auch auf der BBC-Liste wiederfinden. Um für Abwechslung zu sorgen, habe ich mich entschieden, höchstens einen Film pro Regisseur oder Filmreihe aufzulisten.

10. Venus im Pelz (2013)

Ein Vorsprechen für ein Theaterstück entwickelt sich zu einem psychologischen Schlagabtausch zwischen Schauspielerin und Regisseur. Roman Polanski arbeitet geschickt mit Realitätsebenen und Geschlechterrollen und beweist, dass zwei Darsteller und ein hervorragendes Drehbuch reichen können, um großartiges Kino zu schaffen. Leider sowohl von den Kritikern als auch vom Publikum übersehen und dementsprechend auch nicht auf der BBC-Liste vertreten.

9. Once (2006)

Ein Gitarrist und eine Klavierspielerin lernen sich in Dublin kennen und beginnen gemeinsam Musik zu machen. Eine besondere Freundschaft entsteht oder vielleicht sogar mehr als das? Auch Once ist eher ein kleiner Film, der vor allem von seinen beiden sympathischen Hautpfiguren und der großartigen (oscarprämierten) Musik von Glen Hansard und Markéta Irglová lebt. Was zu einem kitschigen Liebesfilm hätte werden können ist stattdessen ein Film über die Liebe zur Musik geworden. Auch Once ist bei der BBC nicht gelistet.

8. Inception (2010)

Dom Cobb erhält den Auftrag, über eine Apparatur für gemeinsames Träumen in das Unbewusste eines Geschäftsmannes einzudringen, um dort den Wunsch auszulösen, das vom gefühlskalten Vater geerbte Firmenimperium zu zerschlagen. Christopher Nolan gehört zweifellos zu den bedeutendsten Regisseuren unserer Zeit und ich hätte auch The Dark Knight oder Prestige – Die Meister der Magie an diese Stelle setzen können. Mit Inception gelingt es ihm jedoch auf besonders eindrucksvolle Weise, einen gleichzeitig spannenden und komplexen Sommer-Blockbuster abzuliefern, der in seiner Form absolut einzigartig ist. Die BBC hat den Film auf Platz 51.
➡ Werkschau: Die Filme von Christopher Nolan

7. Children of Men (2006)

Im Jahr 2026 sind alle Frauen unfruchtbar geworden. England ist als letzter Staat der Erde nicht im Chaos versunken, hat sich jedoch in einen Polizeistaat verwandelt. Doch dann erwartet eine junge Immigrantin plötzlich ein Kind. Alfonso Cuaróns dystopischer Thriller überzeugt sowohl durch seine Vielschichtigkeit als auch durch die Inszenierung von langen, spektakulären Plansequenzen. Bei der BBC auf Platz 13.

6. Brokeback Mountain (2005)

Im Wyoming der frühen 60er Jahre wandelt sich die Zusammenarbeit zwischen zwei Schafhirten zu einer tragischen Liebesgeschichte. Ein berührendes Drama mit hervorragenden Darstellern, wunderschöner Filmmusik und einer angenehm zurückhaltenden Inszenierung von Ang Lee. Die BBC listet Brokeback Mountain auf Platz 40.

5. Findet Nemo (2003)

Der kleine Clownfisch Nemo wird von einem Zahnarzt für sein Aquarium gekeschert. Nemos Vater Martin macht sich mit Hilfe der vergesslichen Dorie auf die Suche. Andrew Stanton erzählt in wunderschönen Bildern eine sowohl witzige als auch rührende Geschichte über das Vatersein und damit einen der besten Animationsfilme aller Zeiten. In der Liste der BBC gerade noch vertreten auf Platz 96.

4. Der Herr der Ringe: Die Gefährten (2001)

Der kleine Hobbit Frodo gerät unwissentlich in Besitz einer gefährlichen Waffe: Dem Zauberring des schrecklichen Sauron. Mit Hilfe seiner Freunde macht er sich auf den Weg, den Ring zu den Elben nach Bruchtal zu bringen. Stellvertretend für die ganze Trilogie, die unzweifelhaft als die bisher beste Filmreihe des Fantasy-Genres bezeichnet werden kann. Von den Darstellern über das Design bis zu den Special Effects gelingt es Peter Jackson auf beeindruckende Art und Weise, die Welt von J.R.R. Tolkien auf die Leinwand zu bringen. Meiner Meinung nach ist der erste Teil der gelungenste, weil hier noch die Geschichte und ihre Figuren im Vordergrund stehen und vergleichsweise wenig Zeit für Actionszenen verwendet wird. Bei der BBC ist erstaunlicherweise keiner der drei Filme aufgeführt.

3. Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009)

Kurz vor dem ersten Weltkrieg: Als sich in einem norddeutschen Dorf seltsame Unfälle und Gewalttaten häufen, versucht der neu zugezogene Dorflehrer herauszufinden, wer dahinter steckt. Michael Hanekes in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern gedrehte Darstellung einer von Gewalt geprägten Dorfgemeinschaft ist ein sehr intensives Filmerlebnis, das Spielraum für Interpretationen lässt. Die BBC hat den Film auf Platz 18 gelistet.
➡ Filmkritik: Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

2. Shaun of the Dead (2004)

Der Verkäufer Shaun wird von seiner Freundin verlassen. Er beschließt, sie zurückzugewinnen, muss zeitgleich jedoch die unerwartet hereinbrechende Zombie-Apokalypse überleben. Regisseur Edgar Wright schafft es, keine alberne Parodie auf das Zombie-Genre abzuliefern, sondern eine liebevolle Hommage, die gleichzeitig als außergewöhnliche romantische Komödie funktioniert. Besonders im englischen Original zu empfehlen, vor allem wegen des hervorragenden Spiels von Hauptdarsteller Simon Pegg. Auch dieser Film ist bei der BBC nirgendwo zu finden.

1. Vergiss mein nicht (2004)

Nach der Trennung von seiner Freundin Clementine sucht Joel eine ominöse Firma auf, um alle Erinnerungen an die Beziehung aus seinem Gedächtnis löschen zu lassen. Während der Prozedur, bei der Joel die gemeinsamen Erlebnisse ein letztes Mal sieht, entscheidet er, diese doch nicht verlieren zu wollen und versucht, Clementine in seinen Kindheitserinnerungen zu verstecken. Diese ungewöhnliche Mischung aus Romanze, Komödie und Science-Fiction-Film ist dank des intelligenten Drehbuchs von Charlie Kaufman und der atemberaubenden Inszenierung von Michel Gondry für mich einer der besten Filme aller Zeiten und bei der BBC auf Platz 6 vertreten.

Insgesamt sind, zumindest im Vergleich zu meinem Filmgeschmack, bei der BBC erstaunliche Lücken zu verzeichnen. Wie ist es auch ergangen? Was sind eure Lieblingsfilme der letzten 16 Jahre und wurden sie auch von den Filmkritikern gewürdigt?

Mittwoch, 10. August 2016

Filmkritik: Im Westen nichts Neues (1930)

Ab wann ist ein Kriegsfilm ein Anti-Kriegsfilm? Während viele Werke zu ambivalent sind, um eindeutig in diese Schubladen einsortiert zu werden, gibt es auch Filme, die sehr deutlich Stellung beziehen. Ein Beispiel hierfür ist Im Westen nichts Neues (1930).

Wohl kaum ein anderes Genre ist so politisch wie das des Kriegsfilms. Es ist für einen Regisseur nur schwer möglich, einen tatsächlichen militärischen Konflikt auf der Leinwand darzustellen, ohne einen Standpunkt zum dargestellten Krieg oder zum Militär im Allgemeinen einzunehmen. Während die politische Aussage in den meisten modernen Kriegsfilmen jedoch nicht im Vordergrund steht, gab es vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Produktionen, die mit dem Ziel gedreht wurden, die Meinung des Publikums zum Thema direkt zu beeinflussen. Auf der einen Seite sind hier natürlich die Propagandafilme zu nennen, die während der Weltkriege im staatlichen Auftrag produziert wurden, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit des militärischen Konfliktes zu überzeugen. Doch parallel dazu entstanden auch erste offen pazifistische Filme, die den Traum von einer Welt ohne Kriege formulierten.

Erich Maria Remarque
Der erste Tonfilm dieses Subgenres des pazifistischen Kriegsfilms ist die amerikanische Produktion Im Westen nichts Neues (1930). Basierend auf dem gleichnamigen Roman des deutschen Schriftstellers Erich Maria Remarque erzählt Lewis Milestone die Geschichte des deutschen Oberstufenschülers Paul Bäumer (Lew Ayres), der sich zusammen mit seinen Klassenkameraden freiwillig meldet, um im Ersten Weltkrieg gegen die Franzosen zu kämpfen. Die anfängliche Begeisterung der jungen Männer hält nicht lange an. Nach einer kurzen und schikanösen Grundausbildung durch den ehemaligen Briefträger Himmelstoß (John Wray) werden die Soldaten an die Front geschickt. Bei ihren ersten Einsätzen unter Führung der erfahreneren Soldaten Kat (Louis Wolheim) und Tjaden (Slim Summerville) müssen die Jungen schnell einsehen, dass das Massensterben im Stellungskrieg nur wenig mit ihren Vorstellungen vom heldenhaften Kämpfen für das Vaterland gemein hat …

Während der Film in den USA ein großer Erfolg war und bei der dritten Oscar-Verleihung im Oktober 1930 als bester Film ausgezeichnet wurde, war Im Westen nichts Neues bei seiner Erstveröffentlichung in Deutschland sehr umstritten. Obwohl das deutsche Publikum im Dezember 1930 bereits nur eine entschärfte Version zu sehen bekam, wurde das Werk von rechter Seite als antideutsch bezeichnet und der Versuch unternommen, ein Verbot des Films zu bewirken. Unter Führung von Joeseph Goebbels schleusten sich sogar SA-Angehörige in Vorstellungen ein, um nationalsozialistische Parolen zu brüllen, Mäuse freizulassen und gewaltsam gegen die Kinobesucher vorzugehen. Schließlich wurde der Film eine Woche nach seiner Premiere mit einem Aufführungsverbot belegt. Begründet wurde dies damit, dass er die öffentliche Ordnung gefährde, die Wehrmacht herabsetze und das internationale Ansehen Deutschlands schädige. Die Produktionsfirma Universal wollte den wichtigen deutschen Markt jedoch nicht so schnell aufgeben. 1931 wurde deshalb eine noch stärker geschnittene Fassung veröffentlicht und das Studio sicherte den deutschen Behörden zu, in allen Ländern außerhalb der USA nur noch diese Version des Films zu zeigen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Film in Deutschland schließlich vollständig verboten.

Heute gilt Im Westen nichts Neues als einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten. Besonders die technische Umsetzung ist auch aus heutiger Perspektive noch sehr beeindruckend. Viele Szenen wurden unter freiem Himmel, vor einem weit in die Tiefe gehenden Hintergrund und mit hoher Tiefenschärfe gefilmt, was für eine Zeit, in der meistens in Filmstudios gedreht wurde, eher ungewöhnlich ist. Gleichzeitig kann der Film mit einer sehr mobilen Kamera aufwarten, was der Inszenierung insgesamt einen recht modernen und realistischen Eindruck verleiht.

So beginnt die erste Szene des Films mit einer Militärparade, die durch eine kleine deutsche Stadt zieht. Die Kamera zeigt die marschierenden Soldaten und fährt anschließend ohne Schnitt rückwärts durch das Fenster eines Klassenzimmers, in dem ein Lehrer (Arnold Lucy) seinen Schülern einen Vortrag darüber hält, warum sie sich freiwillig für den Kriegsdienst melden sollten. Während dieses Monologs fährt die Kamera weiter rückwärts durch die Reihen der Schüler, bis das ganze Klassenzimmer zu sehen ist, mit den marschierenden Soldaten immer noch vor den Fenstern. Erst dann wird auf einen Nahaufnahme des Lehrers geschnitten. Durch diese lange, ungebrochene Einstellung verleiht Milestone der Szene einen fast dokumentarischen Eindruck, wodurch sie deutlich wirkungsvoller ist, als wenn sie mit der konventionellen Schnitttechnik inszeniert worden wäre. Die Vereinigung von Militärparade und Schulunterricht in einer Aufnahme verdeutlicht außerdem symbolisch die Militarisierung der gesamten deutschen Gesellschaft zu dieser Zeit.

Auch die Kampfszenen waren in ihrem Realismus lange Zeit unerreicht. So entstand Stanley Kubricks Wege zum Ruhm (1957), der auf der französischen Seite des Ersten Weltkriegs spielt, fast 30 Jahre später, ist in der Inszenierung der Kriegshandlungen aber nur kaum moderner als Milestones Film. Anders stellt sich die Situation auf der inhaltlichen Ebene dar. Denn während die pazifistische Aussage von Im Westen nichts Neues natürlich gerade vor Hintergrund des nur wenige Jahre später ausbrechenden Zweiten Weltkriegs positiv zu bewerten ist, ist die Form, wie diese Aussage an das Publikum vermitteln werden soll, etwas plump.

Kurze Zeit nach der Ankunft an der Front gibt es eine Szene, in der sich die Männer über ihre Situation unterhalten. Schnell kommen sie zu dem Schluss, dass die Soldaten aller am Krieg teilnehmenden Nationen überhaupt nicht gegeneinander kämpfen wollen, sondern dies alles nur deswegen passiert, weil die Staatsoberhäupter und Generäle den Krieg wollen und brauchen. Die Szene wirkt sehr deutlich wie ein Moment, in dem die Filmemacher ihre eigenen Ansichten zum Thema direkt formulieren, statt dem Publikum zuzutrauen, seine eigenen Schlüsse aus den gezeigten Kriegsgräueln zu ziehen. Wäre dies als einzelner Moment noch zu verkraften, wiederholt der Film seine Thesen im weiteren Verlauf immer wieder, als sollten die Zuschauer/innen auf diese Weise zu einer pazifistischen Lebenseinstellung erzogen werden.

Dies könnte auch filmgeschichtliche Hintergründe haben. Im Westen nichts Neues ist ein recht früher Tonfilm, parallel wurde auch eine Stummfilmfassung gedreht, die in Kinos gezeigt wurde, die noch nicht auf die neue Technik umgestellt hatten. Beim Ansehen der vertonten Version könnte man den Eindruck bekommen, dass die Filmemacher das Gefühl hatten, möglichst viel gesprochenen Text unterbringen zu müssen. Zusätzlich zu den bereits genannten belehrenden Passagen gibt es nämlich etliche Dia- und Monologe, in denen die Bedeutung der Geschehnisse oder die Gefühle des Protagonisten für das Publikum ausformuliert werden. Diese Textdichte nimmt den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht nur den Raum, das Gesehene selbst zu reflektieren, sondern ist bei einer Laufzeit von über zwei Stunden auch recht ermüdend.

Dieser einflussreiche Klassiker des Anti-Kriegsfilms ist insgesamt ein zweischneidiges Schwert: Während durch die technisch perfekte Umsetzung viele Szenen auch heute noch sehr beeindrucken können, irritiert vor allem in der zweiten Hälfte ein ständiges Ausformulieren von Thesen und Gefühlen durch die handelnden Figuren, das keinen Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lässt.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Filmkritik: Matrix (1999)

Immer noch cool oder schon längst veraltet? Vor nunmehr 17 Jahren brachten die Wachowski-Geschwister mit Matrix (1999) einen der einflussreichsten Actionfilme der letzten Jahrzehnte in die Kinos. Auch heute ist der Film noch extrem unterhaltsam – aber auch ein Beispiel dafür, dass manche Filme schneller altern als andere …

Viele Filmklassiker sind ein deutliches Produkt ihrer Zeit. Während beispielsweise Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) durch seine bahnbrechenden Special Effects und seine ästhetische und inhaltlich Außergewöhnlichkeit ohne Hintergrundwissen ebenso als ein Film von 1979 durchgehen könnte, ist Dennis Hoppers Biker-Road-Movie Easy Rider (1969) untrennbar mit dem Lebensgefühl der späten 60er Jahre verbunden. Doch auch Filme jüngeren Datums altern unterschiedlich schnell. Die meisten Filme der letzten Jahrzehnte wirken immer noch modern, Matrix (1999) hingegen ist stilistisch unbestreitbar ein Kind der Jahrtausendwende. 
Laurence Fishburne (2009)

Der Film erzählt die Geschichte des Programmierers Neo (Keanu Reeves), der von dem unbestimmten Gefühl beherrscht wird, dass die Welt um ihn herum nicht das ist, was sie zu sein scheint. In einem Treffen mit dem geheimnisvollen Morpheus (Laurence Fishburne) erfährt Neo schließlich, dass es sich bei der vermeintlichen Realität lediglich um eine Computersimulation handelt, die sogenannte Matrix. Tatsächlich spielt der Film in einer postapokalyptischen Zukunft, in der die Maschinen die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Wie fast alle anderen überlebenden Menschen befindet sich Neos Körper in einem künstlichen Uterus und wird als lebende Batterie zur Energieversorgung genutzt. Da der menschliche Körper ohne den Geist nicht überleben kann, muss dem Gehirn jedoch durch ein Programm vorgegaukelt werden, ein normales Leben im Jahr 1999 zu führen. Neo wird aus der Matrix befreit und erfährt bald, dass die Wahl nicht ohne Grund auf ihn gefallen ist: Denn nach Morpheus Ansicht ist er der Auserwählte, der laut Überlieferung kommen soll, um die Schreckensherrschaft der Maschinen zu beenden …

Die grundsätzliche Idee des Films, die tatsächliche Existenz der Welt um uns herum in Frage zu stellen, ist keineswegs neu. Bereits René Descartes zweifelte 1641 an der Glaubwürdigkeit seiner Wahrnehmung und stellte fest, dass er nicht ausschließen könne, „ dass ein boshafter Geist, der zugleich höchst mächtig und listig ist, all seine Klugheit anwendet, um mich zu täuschen; ich will annehmen, dass der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Töne und alles Äußerliche nur das Spiel von Träumen ist, wodurch er meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt“. Dies führte den französischen Philosophen zu dem berühmten Schluss, dass er nur seine eigene Existenz wirklich beweisen könne („Ich denke, also bin ich“). Dieses unlösbare Problem der Erkenntnistheorie fand schließlich auch seinen Weg in Literatur und Film. So ersetzte Rainer Werner Fassbinder in seinem TV-Zweiteiler Welt am Draht (1973) Descartes „ boshaften Geist“ durch einen Computer, der in der Lage ist, das Leben einer Kleinstadt zu simulieren. Die Geschichte kreist schließlich um die Frage, wie der Protagonist des Films sicher sein kann, nicht selbst Teil solch einer Simulation zu sein.

Die Wachowskis (2004)
Die Wachowski-Geschwister lassen in Matrix die Zuschauer hingegen nicht lange im Ungewissen, sondern stellen bereits im ersten Drittel des Films unmissverständlich klar, welche Szenen in der Wirklichkeit und welche in der Computersimulation spielen. Grundsätzlich ist der philosophische Unterbau für die Filmemacher nämlich offenbar nur Mittel zum Zweck: Nach ausgiebigem Training lernt Neo, die physikalischen Gesetze der Computerwelt zu beeinflussen, und der Schwerpunkt des Films verlagert sich im weiteren Verlauf immer stärker darauf, den Protagonisten diese Fähigkeiten in möglichst spektakulären Action-Szenen nutzen zu lassen.

Umso deplatzierter wirken die intellektuell und philosophisch gemeinten Dialogzeilen, die vor allem Morpheus immer wieder äußert, als hätte ihm niemand Bescheid gesagt, dass er sich in einem Actionfilm befindet. Dass Matrix sich insgesamt etwas zu ernst nimmt, tut seiner Unterhaltsamkeit jedoch keinen Abbruch. Auch heute noch weiß die Kombination aus Martial-Arts-Choreographien und bahnbrechenden Effekte zu überzeugen – auch wenn die berühmte Superzeitlupe seitdem so oft persifliert wurde, dass sie leider etwas an ihrer Wirkung verloren hat.

Für einen nur 17 Jahre alten Film ist Matrix aber überraschend deutlich gealtert. Besonders die Kostüme fallen hier ins Auge: So wirkt Trinity (Carrie-Anne Moss), die an der Seite von Morpheus und Neo gegen die Maschinen kämpft, wie einer Techno-Party der späten 90er entsprungen: Lederoutfit, Sonnenbrille und Kurzhaarfrisur sind heute leider nicht mehr so cool, wie dies zu Zeiten der Jahrtausendwende noch der Fall gewesen sein mag. Und auch die Funktionsweise der Matrix ist klar von den damaligen technischen Begebenheiten beeinflusst: Dass das Computerprogramm ausschließlich durch Telefone betreten und verlassen werden kann, ist in Zeiten des Dial-Up-Modems schlüssig – für eine Generation, die mit ständiger WLAN-Verbindung aufwächst, aber wohl kaum noch nachvollziehbar.

Matrix ist auch heute noch beeindruckend inszeniertes Action-Kino und zumindest auf dieser Ebene keineswegs veraltet. Gleichzeitig ist der Film jedoch in vielen Details klar als Film der ausgehenden 90er Jahre zu identifizieren. Das schadet dem Sehvergnügen jedoch keineswegs, sondern verschafft dem Film für Zuschauer/innen, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, eine zusätzliche Ebene der Nostalgie.

Urheber des Fotos von den Wachowskis ist Charlie Meadows. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Montag, 4. Juli 2016

Filmkritik: Frankenstein (1931)

Jeder kennt Frankensteins Monster. Während der durchschnittliche Passant in der Fußgängerzone wohl nur wenig Kenntnisse über das Kino der 30er Jahre besitzt, wird ein Bild des Monsters mit dem kantigen Gesicht und den Schrauben im Hals fast immer auf Wiedererkennung stoßen. Obwohl der Einfluss von Frankenstein (1931), in dem das berühmteste Monster der Filmgeschichte seinen ersten Auftritt hatte, wohl kaum zu überschätzen ist, muss das natürlich nicht bedeuten, dass es sich wirklich um einen guten Film handelt. Dieser Frage möchte ich daher in meinem heutigen Artikel nachgehen.

Hauptfigur des Films ist nicht das Monster, sondern der Wissenschaftler Henry Frankenstein (Colin Clive). Zurückgezogen in einem verfallenen Turm geht er mit Hilfe seines buckligen Assistenten Fritz (Dwight Frye) biologischen Experimenten nach, weil er aufgrund seiner grenzüberschreitenden Forschungen aus der Universität geworfen wurde. Henrys Ziel ist es Leben zu erschaffen, auch wenn es dafür nötig ist, nachts auf Friedhöfen kürzlich beerdigte Leichen wieder auszugraben, um die Körper als Material zu benutzten. Seine Verlobte Elisabeth (Mae Clarke) und sein ehemaliger Professor Waldman (Edward Van Sloan) versuchen, den sich immer stärker in seine Forschungen hineinsteigernden Wissenschaftler zur Besinnung zu bringen, doch ohne Erfolg: Sie können nur hilflos mit ansehen, wie das von ihm aus Leichenteilen zusammengesetzte Wesen per Blitzschlag zum Leben erweckt wird …

Das auf Kurzfilme und B-Movies spezialisierte Filmstudio Universal Pictures nutze Anfang der 30er Jahre eine Marktlücke aus: Keines der großen Hollywoodstudios war zu dieser Zeit bereit, Horrorfilme zu produzieren und so entschied sich Universal dafür, mit vergleichsweise kleinem Budget die zwei bekanntesten Gruselgeschichten des 19. Jahrhunderts zu verfilmen: Bram Stokers Dracula und Mary Shelleys Frankenstein. Als Vorlage diente jeweils nicht der Roman selbst sondern eine Bühnenadaption der Geschichte. Den 1931 veröffentlichten Filmfassungen merkt man diese Herkunft deutlich an: Die aus meist statischen Kameraeinstellungen aus der Halbtotalen oder Halbnahen gefilmten Dialoge erinnern deutlich an ein abgefilmtes Theaterstück, weshalb der Inszenierungsstil dieser Werke im Vergleich zu Stummfilmadaptionen wie Nosferatu (1922) eher als Rückschritt zu werten ist. Dass Frankenstein dennoch stellenweise mit beeindruckenden Bildern aufwarten kann, liegt daher weniger an der Regie von James Whale (der seine Wurzeln ebenfalls im Theater hat), sondern vor allem am expressionistischen Bühnenbild von Herman Rosse und dem ikonischen Monster-Make-Up von Jack P. Pierce.

Wirklich gruselig ist der Film selbst für damalige Zuschauer wahrscheinlich nur an wenigen Stellen gewesen. Ein recht großer Teil der Laufzeit wird auf Gespräche zwischen den Angehörigen des Protagonisten verwendet, deren größte Sorge es zu sein scheint, dass Henry Frankenstein durch seinen Arbeitseifer seine Hochzeit vergessen könnte. Der offenbar als Comic Relief geschriebene und gespielte Vater Baron Frankenstein (Frederick Kerr) sticht hierbei besonders negativ hervor. Es gibt inhaltlich jedoch auch interessante Facetten: Hier ist vor allem die vielschichtige Charakterisierung des Monsters zu nennen. Während andere Universal-Unholde wie Dracula oder Die Mumie (1932) durchweg böse sind, verhält sich die von Boris Karloff gespielte lebende Leiche eher wie ein wildes Tier oder kleines Kind. Nachdem das Monster auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft bereits zwei Menschen ermordet hat, geschieht die Tötung eines kleinen Mädchens auf solch eine unschuldige und naive Art und Weise, dass diese Szene noch lange nach dem Ansehen des Films in Erinnerung bleibt. Ab diesem Zeitpunkt kann man nur noch Mitleid mit dem Monster haben, das mit seinen traurigen Augen und seinem trottenden Gang nun vor der gesamten Dorfgemeinschaft fliehen muss …

Frankenstein ist für heutige Zuschauer natürlich nicht mehr besonders gruselig und einige Dialogszenen zwischen den Nebenfiguren könnte man sogar als langweilig zu bezeichnen. Dennoch ist dieser Klassiker durch das ansprechende Design und den interessanten Antagonisten auch 85 Jahre nach seiner Premiere noch sehenswert.

Mittwoch, 18. November 2015

Filmkritik: Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 (2014)

Morgen startet mit Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2 der vierte Teil der Spielfilmadaption der dystopsichen Jugendbuchtrilogie in den deutschen Kinos. Zur Einstimmung heute eine Kritik zu Mockingjay – Teil 1, in dem die jugendliche Protagonistin Katniss Everdeen erstmals nicht in einer Arena gegen Gleichaltrige antreten muss.

Seit der erfolgreichen Veröffentlichung von Die Tribute von Panem – The Hunger Games im Jahr 2012 hat es eine ganze Reihe von dystopischen Jugendbuchverfilmungen gegeben. Die unterschiedlichen Franchises übertrumpfen sich hierbei vor allem in der Unglaubwürdigkeit ihres Settings: Da werden Jugendliche in Labyrinthe eingesperrt, die gesamte Bevölkerung zwangsweise nach Persönlichkeitsmerkmalen sortiert (und wehe, jemand hat zwei) oder das Empfinden von Emotionen und Wahrnehmen von Farben(!) wird durch Medikamente unterdrückt. Der Trendsetter dieses Genres ist im Vergleich angenehm realistisch: Eine Diktatur verspricht ihrer Bevölkerung Sicherheit und Ordnung, nimmt ihr dafür jedoch Freiheit und Reichtum. Außerdem wird jährlich ein Wettkampf abgehalten: Bei den sogenannten Hungerspielen sendet jeder der zwölf Distrikte des Landes zwei zufällig ausgewählte Jugendliche in eine Arena, wo diese vor laufenden Fernsehkameras in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten.

Jennifer Lawrence
Diese Grundidee ist in ihrer Mischung aus Running Man (1987) und Battle Royale (2000) zwar nicht unbedingt revolutionär, aber immerhin einigermaßen glaubwürdig. Der erste Teil der Filmreihe, der eine Ausgabe der Hungerspiele aus Sicht der Teilnehmerin Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) erzählt, funktioniert dabei vor allem durch seine sehr guten Darsteller und eine gelungene Regie, krankt aber ein wenig an dem Problem, eine eigentlich sehr blutrünstige Story so inszenieren zu müssen, dass diese für ein jugendliches Publikum geeignet ist. Der zweite Teil, Catching Fire (2013), geht dann zum Glück etwas andere Wege: Vor allem die erste Hälfte des Films konzentrierte sich darauf, die Funktionsweise des von Präsident Snow (Donald Sutherland) geführten Regimes zur zeigen und dessen Versuche, Katniss für propagandistische Zwecke einzusetzen. Wenn es dann in der zweiten Hälfte des Films erneut in die Arena geht, fühlt sich dies fast wie ein Rückschritt an.

Das dritte Buch der Reihe wurde, wie es seit Harry Potter immer üblicher wird, für die Verfilmung in zwei Teile geteilt. Etwas schwierig ist hierbei, dass die Buchvorlage zu Mockingjay mit gut 400 Seiten kaum mehr als halb so lang ist wie Rowlings Die Heiligtümer des Todes. Während die Handlung bei Harry Potter daher in den beiden Filmen trotz Aufteilung recht flott erzählt wird, merkt man Mockingjay – Teil 1 an einigen Stellen durchaus an, dass der Stoff die insgesamt mehr als vier Stunden Laufzeit nicht so wirklich hergibt. Während das Problem freilich niemals die Ausmaße von Peter Jacksons Hobbit-Trilogie annimmt (siehe meine Kritik zu Eine unerwartete Reise), gibt es deshalb durchaus Szenen (zum Beispiel die Jagd im Wald), die ein wenig überflüssig oder unnötig ausgedehnt wirken.

Julianne Moore (2014)
Die Handlung geht dabei deutlich andere Wege als in den ersten beiden Teilen: Nach der erfolgreichen Sabotage der Hungerspiele am Ende des letzten Teils findet sich Katniss traumatisiert in einem Rebellenstützpunkt unter der Oberfläche des seit dem letzten Bürgerkrieg eigentlich völlig verlassenen Distrikt 13 wieder. Unter Führung von Präsidentin Alma Coin (Julianne Moore) hat sich hier eine Gruppe von Menschen versammelt, die daran arbeitet, die Herrschaft des Kapitols endgültig zu beenden. Während Katniss in Catching Fire für Propaganda der Regierung eingesetzt wurde, findet sie sich nun in der Position wieder, für die Gegenseite eine ähnliche Rolle einzunehmen. Eine Aussicht, der sie anfangs mit einer gesunden Portion Skepsis begegnet. Diese Zurückhaltung beginnt nach dem Besuch ihres Heimatdistriktes, der als Vergeltungsaktion von der Regierung völlig zerstört wurde, jedoch bald zu schwinden und die junge Frau entwickelt sich mehr und mehr zur Symbolfigur der Revolution.

Dieses Mal begibt sich der Film nach dieser Einführung glücklicherweise nicht erneut in die Arena, sondern konzentriert sich auf den Kampf gegen Snows verbrecherisches Regime. Hierbei schafft es Regisseur Francis Lawrence mit Hilfe der gelungenen Filmmusik von James Newton Howard einige emotional sehr wirksame Momente zu inszenieren. Wenn Katniss an einem Fluss beginnt ein Lied zu singen und dann zu einer Gruppe Menschen geschnitten wird, die dasselbe Lied singend losziehen, um einen Staudamm zu sprengen, ist dies in seiner Revolutionsromantik durchaus wirkungsvoll. Und auch die zwischenmenschlichen Konflikte sind interessant: Peeta, der in den ersten beiden Teilen an Katniss' Seite gekämpft hat, ist nun unerwartet in Propaganda-Spots des Kapitols zu sehen, in denen er zu einem Waffenstillstand aufruft. Während er hierfür von den anderen Rebellen verachtet wird, glaubt Katniss, dass er vom Kapitol zu diesen Aussagen gezwungen wird.

Auch wenn Mockingjay – Teil 1 im Grunde mitten in seiner Geschichte endet, ist es den Machern gelungen, einen spannenden Höhepunkt zu inszenieren, der dem Film einen geschlossenen Eindruck verleiht. Die gelegentlich auftretenden Logiklöcher und anderen Schwächen werden hierbei gut durch die hervorragenden Darsteller wieder aufgewogen. Besonders Jennifer Lawrence schafft es mit ihrem nuancierten Spiel, der Protagonistin eine Tiefe zu verleihen, die die eigentliche Story nur in seltenen Momenten besitzt.

Auch der dritte Ausflug nach Panem liefert wieder gutes Popcorn-Kino. Durch den Verzicht auf ein erneutes Zeigen der Hungerspiele und eine Konzentration auf den dystopischen Kern der Geschichte wirkt der Film keineswegs wie ein lahmer Aufguss seiner Vorgänger sondern bildet die logische Fortsetzung einer Heldenreise, die nur ein Ende kennen kann: Die engültige Konfrontation zwischen Katniss Everdeen und Präsident Snow.


Urheber des Fotos von Jennifer Lawrence ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) .
Urheber des Fotos von Julianne Moore ist Georges Biard. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Mittwoch, 20. Mai 2015

Filmkritik: Mad Max: Fury Road (2015)

Im Action-Reboot Mad Max: Fury Road ist der von Tom Hardy gespielte Protagonist mehr als einmal auf weibliche Hilfe angewiesen. Aus diesem Grund wird der Film im englischsprachigen Internet mancherorts als „feministische Propaganda“ bezeichnet. Dabei stellt sich die Frage, was von beidem eigentlich erschütternder ist: Dass starke Frauen im Blockbuster-Kino immer noch die Ausnahme sind oder dass die Abkehr von dieser Praxis von manchen tatsächlich als eine negative Entwicklung angesehen wird …

Wenn man einen Blick auf die Kinohits des 21. Jahrhunderts wirft, führt an Marvel kein Weg vorbei. Mit weltweiten Einnahmen von über 8 Milliarden Dollar ist das Cinematic Universe des Studios das erfolgreichste Franchise der letzten Jahrzehnte, weit vor Harry Potter oder Der Herr der Ringe. Die Rettung der Welt scheint dabei jedoch vor allem Männersache zu sein: Von den sechs Avengers ist nur einer weiblich, Black Widow, und sie ist neben Hawkeye auch das einzige Mitglied des Teams, das noch keinen eigenständigen Film spendiert bekommen hat.
Dieser Umstand ist natürlich keineswegs neu, schon in den 80ern waren es Stallone und Schwarzenegger, die die Kinosäle zum knallen brachten und wenn man noch weiter zurückblickt, musste bereits in der Stummfilmzeit die Jungfrau in Nöten vom männlichen Helden gerettet werden und nicht etwa umgekehrt. Umso erfrischender ist es da, wenn ein Filmemacher sich für einen anderen Weg entscheidet.

Tom Hardy (2010)
Bei Mad Max: Fury Road ist dies jedoch erst auf den zweiten Blick der Fall, denn auch dieser Film hat einen männlichen Helden im Mittelpunkt seiner Geschichte. In einer dystopischen Zukunft, in der es kaum noch Wasser gibt und die wenigen verbliebenen Städte von unterschiedlichen Gangs beherrscht werden, gerät Max Rockatansky (Tom Hardy) in die Fänge des Herrschers Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne), der seinen Sitz in der Zitadelle, einem Fels mit geheimen Wasserreserven, hat. Als die Imperatorin Furiosa (Charlize Theron) mit einem gepanzerten Tanklaster Joes fünf Ehefrauen aus ihrer Gefangenschaft befreit, wird Max bei der anschließenden Verfolgungsjagd als lebende Blutreserve für das kränkliche Gangmitglied Nux (Nicholas Hoult) mitgenommen. Max gelingt es sich zu befreien und ihm bleibt wenig anderes übrig, als sich mit Furiosa zu verbünden, um zu überleben. Diese hat das Ziel, in ihre Heimat zurückzukehren – dem Grünen Ort an dem es noch Pflanzen und Wasser geben soll …

Dem australischen Regisseur George Miller gelang mit seinem 1979 veröffentlichten dystopischen Actionfilm Mad Max ein Überraschungserfolg. Bei einem Budget von gerade einmal 400.000 Dollar nahm der Film weltweit über 100 Millionen Dollar ein und war damit lange Zeit relativ gesehen der finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten. Es folgten zwei Fortsetzungen in denen der von Mel Gibson verkörperte Ex-Polizist Max es mit unterschiedlichen Bösewichten aufnehmen musste. Auch in diesen waren Frauen meist nur in unwichtigeren Nebenrollen besetzt, einmal abgesehen von der von Tina Turner gespielten Widersacherin im dritten Teil Jenseits der Donnerkuppel (1985).

Im nun 30 Jahre später veröffentlichten Reboot Fury Road sind die Geschlechterrollen jedoch deutlich ausgeglichener. Max und Furiosa haben gleich viel Anteil an der (zumindest vorerst) erfolgreichen Flucht vor Immortan Joe und seinen War Boys und auch die fünf jungen und eher naiven Frauen bekommen mehrfach Gelegenheit, sich nützlich zu machen. In der zweiten Hälfte des Films stößt außerdem eine rein weibliche Motorradgang zur Gruppe dazu, deren Mitglieder zwar größtenteils ihren Lebensmittelpunkt bereits überschritten haben, die jedoch viel Kampferfahrung einbringen können.

Während professionelle Kritiker den Film fast einhellig lobten (die amerikanische Filmrezensions-Website Rotten Tomatoes zählt 98 % positive Kritiken), werden im Netz einige Stimmen laut, die den Film als feministische Propaganda verreißen. So beschreibt Aaron Clarey im explizit an „heterosexuelle, maskuline Männer“ gerichteten Blog Return of Kings den Film als „a feminist piece of propaganda posing as a guy flick“ und ruft dazu auf, den Film zu boykottiern.
Es ist wirklich erstaunlich, dass es schon ausreicht, einen Film zu drehen, in dem die Heldengruppe am Ende tatsächlich mehr Frauen als Männer beinhaltet, um sich dem Vorwurf feministischer Propaganda auszusetzten, während das gegenteilige Ungleichgewicht seit Jahrzehnten als gottgegeben hingenommen wird. Tatsächlich ist der Film trotzdem klar aus Max männlicher Perspektive inszeniert, was vor allem deutlich wird, wenn er ersmals die fünf jungen Frauen erblickt, die sich gerade  – natürlich in Zeitlupe – den Sand von der Haut waschen. Wirklich feministisch ist in diesem doch eher oberflächlichen Actionspektakel natürlich nichts. Doch manche fühlen sich offenbar schon in ihrer Männlichkeit angegriffen, wenn ein Film dieses Genres einmal keine sexistische Rollenverteilung aufweist.

Doch auch auf ästhetischer Ebene hebt sich Mad Max deutlich vom sonstigen Blockbusterkino der letzten Jahre ab. Während die Avengers, Fantastic Four und anderen Comic-Verfilungen meist in grau-blauer Farbgebung und metallisch-glatten Sets inszeniert werden, liefert Mad Max einen willkommenen Kontrast mit seinen rot-braun-gelben Farben und den schmutzigen und notdürftig zusammengeschustert aussehenden Uniformen und Fahrzeugen. Das Szenenbild lebt von vielen tollen Details und Design-Ideen und liefert eine glaubwürdige und gleichzeitig toll aussehende Darstellung einer Gesellschaft, die sich in vielen Jahren an das Leben in der Wüste angepasst hat. Dies ist auch eine deutliche Weiterentwicklung zur alten Trilogie, die teilweise doch eher nach dem Australien der 80er Jahre als nach einer post-apokalyptischen Welt aussieht.

Der Film war anscheinend von Anfang an als eine zweistündige Verfolgungsjagd geplant und tatsächlich liefert er insgesamt nur wenig mehr als das. Durch die gut inszenierte Action (zum Glück keine Wackelkamera à la Michael Bay) und die spektakulären, weitgehend ohne CGI realisierten Stunts reicht dies jedoch tatsächlich aus, um über die ganze Laufzeit ausgezeichnet zu unterhalten. Die minimalistische Handlung, die skurrilen Charaktere und viele verrückte Ideen (einer der Streitwagen ist z.B. ausschließlich dafür da, die Jagd mit Trommeln und einer feuerspeienden E-Gitarre zu begleiten) geben Fury Road trotz seines 150 Millionen Dollar Budgets außerdem ein erfrischendes B-Movie-Flair.

Wer hinter toughen Frauen im Kino Propaganda wittert, sollte um Mad Max: Fury Road wahrscheinlich besser einen großen Bogen machen. Für alle anderen liefert Regisseur George Miller einen erfrischend anderen Actionfilm, der es trotz einer eher flachen Story schafft, durch tolles Design und spektakuläre Stunts für einen gelungenen Kinoabend zu sorgen.

Urheberin des Fotos von Tom Hardy ist Vanessa Lua. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).