Freitag, 11. November 2016

Filmkritik: Westfront 1918 (1930)

Als ich im August meine Filmkritik zu Im Westen nichts Neues (1930) veröffentlichte, machte mich Niels von der Flensburger Gesellschaft für Phantastik auf Westfront 1918 aufmerksam, einen Antikriegsfilm von Georg Wilhelm Pabst, der im selben Jahr erschienen ist und seiner Meinung nach deutlich besser sei. Ob das wirklich stimmt, lässt sich jedoch gar nicht so leicht beantworten.

Zwei Filme über den Ersten Weltkrieg, beide pazifistischer Natur, beide 1930 erschienen, der erste in Deutschland, der zweite in den USA produziert. Der Vergleich zwischen dem heute eher unbekannten Westfront 1918 von G. W. Pabst und Lewis Milestones mit dem Oscar ausgezeichneten Im Westen nichts Neues bietet sich an. Doch die Regisseure wählen sehr unterschiedliche Wege, ihre Geschichten zu erzählen und beide Filme haben ihre Stärken und Schwächen. Welchen man nun als den besseren betrachten möchte, hängt vor allem davon ab, wie man diese gewichtet.

Einer der Faktoren, in denen sich beide Filme deutlich unterscheiden, ist die Inszenierung, vor allem in Hinsicht auf Kamera und Schnitt. Als Beispiel kann hier die jeweils erste Szene dienen: Während Milestone mit einer eindrucksvollen Kamerafahrt beginnt, zeigt Pabst eine vergleichsweise unspektakuläre Sequenz, in der sich eine Handvoll deutscher Soldaten in einem französischen Wohnhaus hinter der Front die Zeit vertreibt. Pabsts Einstieg mit seinen statischen, herkömmlich geschnittenen Kameraeinstellungen ist nicht nur technisch weniger beeindruckend, sondern hat auch ein deutlich geringeres emotionales Gewicht als der kriegsverherrlichende Monolog des Lehrers im amerikanischen Film. Zumindest auf der technischen Seite täuscht dieser erste Eindruck keineswegs: Der moderne, oft mitreißende Inszenierungsstil von Im Westen nichts Neues, mit seiner hohen Tiefenschärfe und mobilen Kamera, ist in Westfront 1918 nirgends zu finden. Insgesamt neigt Pabst zu einer eher nüchterneren und distanzierteren Inszenierung, was seinen Film zum deutlich weniger zugänglichen Werk macht.

Abb. 1
Abb. 1 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Besonders fällt diese Distanziertheit in den Kampfszenen auf. Während die Zuschauer sich bei Milestone mitten im Gefecht befinden, einmal sogar die subjektive Perspektive eines MG-Schützen einnehmen, zeigt Pabst die Kampfhandlungen oft in Panorama-Einstellungen und in solch einer dokumentarisch-distanzierten Art, dass es für das Publikum manchmal schwer ist, dem Geschehen zu folgen (Abb. 1). Nach einem Schnitt ist es zudem häufig nicht ganz deutlich, in wie fern sich die Kameraperspektive und -position geändert haben, was die räumliche Orientierung sehr erschwert. Aus diesem Grund ist es gelegentlich nur durch Beachtung der Helmform auszumachen, ob gerade deutsche oder französische Soldaten zu sehen sind. Wo sich in dem Chaos die Hauptfiguren befinden, ist teilweise völlig unklar. Dies kann jedoch durchaus auch Absicht sein. Denn so wirkt der Krieg nicht wie eine Bewährungsprobe, welche die Protagonisten stellvertretend für das Publikum durchleben, sondern wie ein chaotisches und sinnloses Gemetzel, in dem eine anonyme Masse von Soldaten ihren Tod findet.

Fritz Kampers
Fritz Kampers (1947)
Die Unterschiede im Drehbuch sind ähnlich deutlich. Im Westen nichts Neues erzählt die Geschichte seines Protagonisten in einer Art Heldenreise: Das Publikum bricht gemeinsam mit dem jungen Soldaten Paul Bäumer aus seiner Heimatstadt auf und erlebt mit, wie er einige Bewährungsproben bestehen muss, bis die Geschichte schließlich ihr tragisches Ende findet. Der Roman Vier von der Infanterie von Ernst Johannsen, den Pabst mit Westfront 1918 verfilmte, hat hingegen vier verschiedene Hautpfiguren. Die daraus resultierenden häufigen Perspektivwechsel vermindern anfangs zusätzlich die Zugänglichkeit des Films. Im weiteren Verlauf der Handlung legt sich diese Fragmentiertheit zum Glück etwas. Dies liegt daran, dass Drehbuchautor Ladislaus Vajda sich zunehmend auf die Erlebnisse von Karl (Gustav Diessl) und dem Studenten (Hans-Joachim Moebis) konzentriert, während der Bayer (Fritz Kampers) und der Leutnant (Claus Clausen) in der Filmfassung der Geschichte zwar immer wieder auftauchen, jedoch insgesamt nur Nebenfiguren sind.

Würde man die Qualität eines Films lediglich an Maßstäben wie Zugänglichkeit für das Publikum, Spannung der Erzählung und visuelle Schauwerte messen, wäre Westfront 1918 also das deutlich weniger gelungene Werk. Doch auf einer anderen – und vielleicht wichtigeren – Ebene hat Pabsts Film klar die Nase vorne: Die emotionale Wirkung der Geschichte und die Vermittlung der pazifistischen Botschaft. Dass Im Westen nichts Neues bei seiner Veröffentlichung in Deutschland große Diskussionen auslöste und schließlich verboten wurde, während die Kritik an Westfront 1918 gemäßigter ausfiel, liegt auf der einen Seite sicherlich daran, dass es sich nicht um einen amerikanischen Film handelt, sondern er von Menschen produziert wurde, die den Weltkrieg tatsächlich von deutscher Seite aus miterlebt hatten. Andererseits fällt die pazifistische Botschaft bei Pabst auch deutlich subtiler aus: Während Milestone zahlreiche belehrende Mono- und Dialoge einsetzt, welche die Sinnlosigkeit des Krieges für das Publikum ausformulieren, lassen sich ähnliche Drehbuchzeilen in Westfront 1918 an einer Hand abzählen. Der deutsche Regisseur setzt stattdessen auf die Wirksamkeit der Geschichte selbst und der Bilder, mit denen er diese erzählt.

Die unterschiedliche Art und Weise, wie beide Regisseure ihre Botschaft unters Volk bringen möchten, lässt sich wieder am besten an einem Beispiel illustrieren: Beide Filme zeigen einen Heimaturlaub und machen deutich, wie entfremdet die Soldaten vom zivilen Leben in Deutschland mittlerweile sind. Milestone nutzt diese Sequenz für eine Kritik an den Daheimgebliebenen, die den schon so gut wie verlorenen Krieg weiterhin befürworten oder aus der Gemütlichkeit einer Kneipe heraus argumentieren, was die Soldaten an der Front besser machen müssten. Pabst verfolgt andere Ziele: In Westfront 1918 erwischt Karl seine Ehefrau (Hanna Hoessrich) im Bett mit einem Liebhaber. In den folgenden wenigen Tagen, die der Soldat mit seiner von Nahrungsmittelknappheit geplagten Familie verbringt, fleht Karls Frau ihn an, ihr zu verzeihen oder wenigstens überhaupt mit ihr zu sprechen. Doch Karl bleibt kalt und distanziert und verlässt seine Heimat schließlich, ohne sich mit ihr ausgesöhnt zu haben. Die Trostlosigkeit dieser Szenen und Karls fehlende Fähigkeit, seine Gefühle auszudrücken (oder überhaupt etwas zu fühlen) haben dabei eine deutlich stärkere emotionale Wirkung als die eher an den Intellekt appellierenden Szenen in Im Westen nichts Neues.

Abb. 2
Abb. 2 (© Deutsche Kinemathek / zdf.kultur)
Wie in meiner Kritik zu Im Westen nichts Neues geschrieben, bewirkt Milestone mit der Entscheidung, seine Figuren gebetsmühlenartig pazifistische Botschaften verkünden zu lassen, genau das Gegenteil von dem, was er intendiert: Es ist für das Publikum offensichtlich, dass es beeinflusst werden soll, wodurch eine gewisse Abwehrhaltung entsteht. Pabst ist hier viel subtiler und deshalb im Endeffekt wirkungsvoller: Je aussichtsloser der Kampf der deutschen Soldaten im letzten Drittel des Films wird, desto mehr tote Soldaten sind auf dem Schlachtfeld zu sehen. Bald werden die langen, statischen Panorama-Aufnahmen von Leichenbergen deutscher Soldaten dominiert (Abb. 2). Die Bilder sprechen für sich, niemand muss einem hier erklären, was am Krieg so grauenhaft ist. Und vielleicht ist Pabst deshalb im Endeffekt auch der bessere Regisseur. Weil er nicht die spektakuläreren Bilder abliefert, aber die wirksameren. Und darauf vertraut, dass die Wirksamkeit der Bilder ausreicht, um das Publikum zu überzeugen.

Auf den ersten Blick ist Westfront 1918 kein besonders gelungener Film. Die Inszenierung ist recht dröge, die Kampfszenen sind oft unübersichtlich und es ist lange unklar, wer hier eigentlich die Hauptfiguren sein sollen. Doch die Geduld der Zuschauer zahlt sich aus. Denn im weiteren Verlauf gelingt es G. W. Pabst eine immer bedrückendere Atmosphäre zu erzeugen und durch die schrecklichen Bilder des Massensterbens in den Schützengräben seine pazifistische Botschaft auf gleichzeitig subtile wie auch eindrucksvolle Weise an das Publikum zu vermitteln.

Urheber des Fotos von Fritz Kampers ist die Deutsche Fotothek. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-SA 3.0 DE) .

Montag, 31. Oktober 2016

Kurzkritiken Halloween 2016

Heute ist Halloween! Wer nicht um Süßigkeiten betteln oder auf einer Kostümparty versacken will, möchte heute Abend ja vielleicht einen Horrorfilm sehen. Aber welchen? Sieben Kandidaten stelle ich in den heutigen Kurzkritiken vor.

Bram Stoker's Dracula (1992)

Francis Ford Coppola (2007)
Der Rechtsanwalt Jonathan Harker (Keanu Reeves) reist nach Rumänien, um ein Geschäft mit dem mysteriösen Grafen Dracula (Gary Oldman) abzuschließen, der Grundbesitzt in London erwerben möchte. Was Harker nicht ahnt: Dracula ist ein Vampir und erkennt in einem Foto von der Verlobten des Anwalts (Winona Ryder) eine Wiedergeburt seiner Frau, die vierhundert Jahre zuvor Selbstmord begangen hatte. Kurzerhand überlässt Dracula Harker den im Schloss lebenden blutrünstigen Vampirinnen, während er sich selbst auf den Weg nach London macht …

Von allen Verfilmungen, die es in den letzten 100 Jahren von Bram Stokers Horrorklassiker gab, ist Francis Ford Coppolas Version mit Abstand die werkgetreuste Adaption. Während der Gothic-Roman jedoch sehr subtil über lange Zeit mit Andeutungen arbeitet, ist Subtilität in dieser Verfilmung nirgendwo zu finden. Im Schauspiel, Einsatz filmischer Mittel und der Musik ist alles auf Bombast ausgelegt, was über die gesamte Laufzeit etwas ermüdend ist und stellenweise geradezu trashig. Auch hat es mir nicht unbedingt gefallen, dass auch in dieser Verfilmung Mina von einer toughen, rationalen Frau zur schmachtenden Liebhaberin des Grafen degradiert wird. Insgesamt durchaus spaßig, aber die perfekte Dracula-Verfilmung lässt immer noch auf sich warten.


Conjuring – Die Heimsuchung (2013)

Patrick Wilson (2016)
In den 70er Jahren zieht Familie Perron in ein abgelegenes Haus. Schon nach kurzer Zeit werden sie nachts von übernatürlichen Geschehnissen aus dem Schlaf gerissen. Sie engagieren daraufhin die paranormalen Ermittler Lorraine und Ed Warren (Vera Farmiga und Patrick Wilson), die versuchen, genug Beweise zu sammeln, damit ein Exorzismus durchgeführt werden kann …

Conjuring gehört zu dem modernen Subgenre des Horrorfilms, das sein Publikum nicht durch beängstigende Bilder und eine bedrohliche Atmosphäre packen möchte, sondern vor allem durch plötzliche Schreckmomente seine Wirkung erzielt. Während diese Form der Dramaturgie durchaus unterhaltend sein kann, könnte man für den selben Effekt genauso gut den Fernseher auslassen, das Licht ausschalten und Verstecken im Dunkeln spielen. Conjuring ist jedoch mit seinen guten Schauspielern und einem ansehnlichen Set-Design noch einer der besseren Vertreter dieser Art von Horror-Kost.


The Descent – Abgrund des Grauens (2005)

Sechs Frauen unternehmen gemeinsam eine Höhlenexpedition. Die meisten der Freundinnen haben keine Erfahrungen auf diesem Gebiet, doch die Anführerin Juno (Natalie Mendoza) behauptet, die Gruppe in ein touristisch erschlossenes und leicht zu durchquerendes Höhlensystem zu führen. Bald stellt sich jedoch nicht nur heraus, dass dies gelogen war, sondern auch, dass die Protagonistinnen in den finsteren Höhlen nicht alleine sind …

Den stärksten Moment hat dieser britische Film bereits im ersten Drittel der Laufzeit, als Sarah (Shauna Macdonald) in einem engen Tunnel stecken bleibt. Diese realistische klaustrophobische Situation hatte bei mir eine deutlich stärkere Wirkung als die übernatürliche Komponente, die anschließend in den Vordergrund rückt. Die Bedrohung, der sich die Freundinnen bald ausgesetzt sehen, ist nicht übermäßig einfallsreich, doch der Film hat genug Spannung und gelungene Einfälle, um dennoch gut zu unterhalten.


Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1931)

Der englische Arzt Dr. Henry Jekyll (Fredric March) ist von dem Gedanken besessen, die menschliche Seele in Gut und Böse aufteilen zu können. Es gelingt ihm, dieses Ziel durch ein geheimnisvolles Elixier zu verwirklichen: Es verwandelt ihn für begrenzte Zeit in den primitiven, gewissenlosen Edward Hyde. Zuerst genießt Jekyll die Freiheiten seines zweiten Ich, doch bald versetzen ihn die Taten seines Alter Ego immer mehr in Schrecken. Doch da ist das Experiment schon längst außer Kontrolle geraten …

1931 war ein großes Jahr für den amerikanischen Horrorfilm. Während vor allem Universal heute berühmt ist für seine Klassiker Dracula (1931) und Frankenstein (1931), haben auch andere Studios in dieser Zeit Gruselromane des 19. Jahrhunderts auf die Leinwand gebracht. Paramounts Dr. Jekyll und Mr. Hyde muss sich dabei keineswegs vor der Konkurrenz verstecken: Rouben Mamoulians Regie ist recht kreativ und arbeitet mit ungewöhnlichen Kamerafahrten aus der Perspektive des Protagonisten. Auch die Special Effects sind sehr beeindruckend, vor allem die erste Verwandlung in das Monster war durch seine kreative Montage mit Mehrfachbelichtungen und Filter-Effekten lange Zeit unerreicht. Wirklich gruselig wird die Geschichte jedoch nie und das etwas alberne Hyde-Makeup und Overacting der Darsteller sorgen insgesamt für eher durchschnittliche Unterhaltung.


Drag Me to Hell (2009)

Sam Raimi (2014)
Nachdem die Bankangestellte Christine (Alison Lohman) einer Zigeunerin (Lorna Raver) die Fristverlängerung für die Rückzahlung eines Kredits verwehrt, wird sie von der alten Frau mit einem Fluch belegt. Dieser bewirkt, dass Christine nach drei Tagen in die Hölle kommt, wenn sie es nicht schafft, einen mächtigen Dämon zu besänftigen. Hilfe bekommt sie von dem Wahrsager Rham Jas (Dileep Rao) …

Regisseur Sam Raimi gelingt es mit Drag Me to Hell nicht, sich zwischen unterhaltsamen Trash und ernsthaftem Horrorfilm zu entscheiden. Der ständige Wechsel zwischen Ernst und Humor sorgt dafür, dass keine der beiden Stimmungen funktioniert, weil man sich gerade wieder auf die andere eingestellt hatte. Das selbe Problem hatte bereits Darkman (1990) und es ist erschreckend, dass Raimi in fast 20 Jahren offenbar nichts dazugelernt hat. Dass der Film voll von (teils rassistischen) Klischees ist und man den Twist schon eine viertel Stunde vorher ahnt, macht es auch nicht gerade besser.


Die Fürsten der Dunkelheit (1987)

Im Kellergewölbe einer alten Kirche wird ein mysteriöses Artefakt entdeckt. Eine Gruppe von jungen Studierenden macht sich an die Aufgabe, die mit einer grün leuchtenden Flüssigkeit gefüllten Glassäule näher zu untersuchen. Doch das Böse, das sich in dieser Säule befindet, trotzt jeder wissenschaftlichen Beschreibung …

Nach seinem Flop Big Trouble in Little China (1986) kehrte Regisseur John Carpenter den großen Hollywood-Studios den Rücken zu, um wieder günstige Independent-Filme zu drehen. Das erste Ergebnis dieser neuen Phase war Die Fürsten der Dunkelheit. Durch die eher unspektakulären Special Effects (der böse Wassertank!), mittelmäßigen Schauspieler und uninteressant geschriebenen Figuren gehört dieser Film keineswegs zu Carpenters besten Filmen. Durch seine charmante 80er-Jahre-Ästhetik (inkl. Gastauftritt von Alice Cooper) und ein paar gelungene Momente kann der Film dennoch relativ gut unterhalten.


Das Waisenhaus (2006)

Laura (Belén Rueda) und Carlos (Fernando Cayo) ziehen zusammen mit ihrem adoptierten Sohn Simón (Roger Príncep) in das ehemalige Waisenhaus, in dem Laura aufgewachsen ist. Einige Tage später erzählt Simón, dass er sechs neue unsichtbare Freunde kennen gelernt habe. Das Verhalten des Jungen wird immer seltsamer, bis er eines Tages plötzlich verschwindet. Gleichzeitig beginnt Laura, übernatürliche Dinge wahrzunehmen und zu glauben, dass die Geister der ehemaligen Heimkinder im Haus leben …

Ein Spukhaus mit mysteriöser Vergangenheit und gruselige Kinder: Weite Teile dieses spanisch-mexikanischen Horrorfilms wiederholen bekannte Genre-Klischees. Durch die gute Hauptdarstellerin und die Entscheidung, viel Zeit mit dem Vorstellen der Hauptfiguren zu verbringen, bevor die übernatürlichen Ereignisse beginnen, ist der Film insgesamt dennoch als gelungen zu bezeichnen.


Urheber des Fotos von Francis Ford Coppola ist squidish. Urheber des Fotos von Patrick Wilson ist Neil Grabowsky / Montclair Film Festival. Beide stehen unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).
Urheber des Fotos von Sam Raimi ist Gage Skidmore. Es steht unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0).

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Filmkritik: Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

Das Kino zu revolutionieren: Das war das Anliegen vieler junger Filmemacher Ende der 50er Jahre in Europa. Vieles, das damals neu und ungewöhnlich war, ist heute ein alltäglicher Teil der Filmlandschaft geworden. Dennoch sind die bahnbrechenden Werke dieser Zeit auch ein halbes Jahrhundert später noch einen Blick wert – So zum Beispiel der Debütfilm des französischen Regisseurs François Truffaut, der heute vor 57 Jahren in die deutschen Kinos kam.

Kritiker seien „geistesgestörte Idioten“ und „weniger als wertlos“. Nicht jeder Regisseur würde es so extrem ausdrücken wie Alex Proyas (Gods of Egypt, 2016), aber das Verhältnis zwischen Filmemachern und Filmkritikern ist heutzutage im Allgemeinen wohl eher als distanziert zu bezeichnen. Doch die Grenzen zwischen den beiden Berufsgruppen waren nicht immer so klar gezogen. So begannen in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Kritiker der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma selbst zur Kamera zu greifen. Ihr Ziel war ein Kino, dass sich von den angestaubten Konventionen der Studio-Ära lösen und neue Wege gehen sollte. In den so entstandenen Werken agierten unbekannte Schauspieler spontan und authentisch vor der Kamera, einem oft nur grob skizzierten Drehbuch folgend. Die Drehorte wurden vom Studio nach draußen verlegt und die Schnitttechnik befreite sich von den Zwängen des Continuity-Systems.

Einer der frühsten Filme dieser Bewegung ist Sie küssten und sie schlugen ihn von François Truffaut. Er erzählt die Geschichte des 14-jährigen Antoine (Jean-Pierre Léaud), der mitten in Paris aufwächst. Während er sich in der Schule mit der herablassenden Verhalten seiner Lehrer auseinander setzen muss, ist der Junge zu Hause mit einer nur wenig liebevollen Mutter (Claire Maurier) und einem sich oft unangemessen benehmenden Stiefvater (Albert Rémy) konfrontiert. Bald beginnt der Teenager, immer stärker gegen die Regeln der Gesellschaft zu rebellieren. Anfängliches Schulschwänzen wird bald begleitet von Alkohol- und Zigarettenkonsum und nächtlichem Fernbleiben aus seinem Elternhaus. Antoine genießt die neuen Freiheiten, die das Leben abseits pädagogischer Interventionen bietet. Doch als er zusammen mit seinem Freund René (Patrick Auffay) eine Schreibmaschine aus der Firma seines Stiefvaters klaut, hat dies schließlich ernsthafte Konsequenzen …

François Truffaut (1967)
Die von Truffaut in ruhigen, fast dokumentarisch wirkenden Bildern erzählte Geschichte folgt keiner klassischen Hollywood-Dramaturgie und verlangt dem Publikum deshalb schon eine gewisse Geduld ab. Wer diese mitbringt, wird jedoch mit einem lange nachwirkenden Film belohnt, der das Bild einer Gesellschaft entwirft, in der man als Jugendlicher fast gar nicht anders kann, als delinquent zu werden. Denn das Verhalten der Erwachsenen gegenüber Antoine ist immer autoritär und herablassend, egal, wie der 14-Jährige sich verhält: Als der Jugendliche beginnt, Balzac zu lesen und sich beim Verfassen eines Aufsatzes von dessen Stil beeinflussen lässt, wird sein literarisches Interesse nicht belohnt, sondern er sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, abgeschrieben zu haben. Dass es für Antoine keine Möglichkeit gegeben hätte, unbemerkt während einer Klassenarbeit einen Roman auf den Tisch zu legen, ist dabei nicht von Belang. Ein weiteres Beispiel ist der Diebstahl der Schreibmaschine: Antoine wird nicht etwa erwischt, als er diese stiehlt, sondern als er sie an ihren Platz zurückbringt und damit eigentlich Reue bewiesen hat. Für die folgende Bestrafung scheint dies jedoch unerheblich zu sein.

Einen Großteil seiner Wirkung verdankt der Film dem hervorragenden Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud. Dies wird vor allem in einer späten Szene deutlich, in der eine Psychologin den Jungen zu seinem Elternhaus und den Motiven seiner Handlungen befragt. Die glaubwürdige, kindlich-naive Art, wie Léaud die Fragen beantwortet, zeugt sowohl von einem großen schauspielerischen Talent als auch von einem großartigen Regisseur, der weiß, wann Improvisation zu besseren Ergebnissen führt als ein genau vorformuliertes Drehbuch. Und so ist ein fast magischer Moment entstanden, der für sich alleine genommen schon ausreicht, um diesen Film sehenswert zu machen.

Sie küssten und sie schlugen ihn kann man eine gewisse Langatmigkeit vorwerfen. Doch die schonungslose Art und Weise, wie Truffaut die verlogene Welt der Erwachsenen aus Sicht seines Protagonisten bloßstellt und die großartige schauspielerische Leistung von Jean-Pierre Léaud machen diesen Klassiker des französischen Kinos zu einem Film, den man gesehen haben sollte.

Urheber des Fotos von den François Truffaut ist Kroon, Ron / Anefo. Es stammt aus dem niederländischen Nationaal Archief und steht unter der Creative-Commons Lizenz Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0).